Vor einigen Tagen saß mir in meiner Onlineberatung ein Mann gegenüber. Er erzählte mir, dass er sich schon lange nach einer Partnerin sehne, aber bei Frauen einfach keinen Erfolg habe. Um das endlich zu ändern, verfolge er seit Wochen Videos auf YouTube von sogenannten „Pick-Up Artists“.

Ich muss ehrlich gestehen: Der Begriff war mir völlig fremd. Ich hatte von diesem Konzept noch nie gehört und ließ mir von meinem Klienten erst einmal erklären, was sich dahinter verbirgt. Er beschrieb mir eine Welt, in der Flirten wie ein Strategiespiel behandelt wird – mit festen Regeln, Verhaltensmustern und Schritt-für-Schritt-Anleitungen, um beim anderen Geschlecht anzukommen. Mein Klient schaute mich schließlich aufmerksam an und fragte ganz direkt: „Herr Schwenkkraus, was halten Sie davon? Funktioniert so etwas?“

Die Sehnsucht nach Sicherheit im Ungewissen

Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, ist der Impuls meines Klienten menschlich absolut verständlich. Sich auf einen anderen Menschen einzulassen, bedeutet immer auch, sich verletzlich zu machen. Das Risiko einer Ablehnung schmerzt. Wer wünscht sich in Momenten der Einsamkeit nicht eine Absicherung oder eine Formel, die den Erfolg garantiert und das eigene Herz vor Enttäuschung schützt?

Solche Konzepte bedienen genau dieses tiefe Bedürfnis nach Kontrolle. Sie versprechen Anleitungen für etwas, das von Natur aus unberechenbar ist: die zwischenmenschliche Anziehung. Doch genau hier liegt das grundlegende Missverständnis.

Das Dilemma der ausgedachten Rolle

Wer versucht, Begegnungen über angelernte Rollen oder Strategien zu steuern, manövriert sich schnell in eine psychologische Sackgasse:

  1. Die Entfremdung vom eigenen Ich: Wer eine Rolle spielt, um zu gefallen, wird selbst im Erfolgsfall nie um seiner selbst willen angenommen. Es bleibt immer das Gefühl zurück, nur für die gelungene Vorstellung gemocht zu werden.
  2. Der Verlust von echter Begegnung: Wenn Beziehungsanbahnung als Taktik begriffen wird, geht der Blick für das Gegenüber verloren. Menschliche Nähe wird zu einer Frage der eigenen Wirkung reduziert.
  3. Dauerhafte Anspannung: Das ständige Aufrechterhalten einer künstlichen Fassade kostet enorm viel Kraft. Echte Entspannung und Gelassenheit können so kaum entstehen.

Warum Verbundenheit kein Leistungssport ist

In meiner Arbeit sehe ich immer wieder: Echte Verbundenheit entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch den Mut, sich so zu zeigen, wie man ist. Das Prinzip des Wu Wei – des Nicht-Erzwingens – lässt sich wunderbar auf das Zwischenmenschliche übertragen.

Wer krampfhaft versucht, eine ganz bestimmte Wirkung zu erzielen, strahlt meist Anspannung aus. Menschen besitzen feine Antennen dafür, ob jemand wahrhaftig ist oder ein Muster abspult. Ein einstudiertes Verhalten mag kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugen, doch für tragfähige Nähe braucht es etwas völlig anderes.

Was echte Anziehungskraft ausmacht

Menschliche Ausstrahlung speist sich nicht aus angewandten Tricks, sondern aus innerer Klarheit und Selbstakzeptanz:

  • Echtheit statt Perfektion: Wer zu den eigenen Unsicherheiten und Ecken stehen kann, wirkt nahbar und vertrauenswürdig.
  • Echtes Interesse: Dem Gegenüber unvoreingenommen zuzuhören, anstatt im Kopf schon den nächsten Schritt zu planen.
  • Selbstwert von innen heraus: Wer den eigenen Wert nicht an den Erfolg beim Gegenüber knüpft, begegnet anderen ohne den Druck des Haben-Müssens.

Ich habe meinem Klienten gesagt: Sie suchen nicht nach einer Methode, um Menschen zu steuern. Was Sie eigentlich suchen, ist das Gefühl, von einem anderen Menschen wirklich gesehen und so akzeptiert zu werden, wie Sie sind. Und das lässt sich nicht ergaunern.

Der Weg zu sich selbst

Im Laufe unserer Beratungssitzung veränderte sich die Haltung meines Klienten spürbar. Es schien eine Erleichterung für ihn zu sein zu verstehen, dass er keine Verhaltensstrategien erlernen muss, um liebenswert zu sein. Die eigentliche Aufgabe liegt nicht im Einstudieren neuer Rollen, sondern im Mut, die eigenen Schutzpanzer schrittweise abzulegen.

Der Schlüssel für erfüllende Beziehungen liegt darin, erst einmal eine ehrliche und freundschaftliche Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Denn nur wer mit sich selbst im Reinen ist, kann anderen ohne Maske begegnen.

Liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie sich auch schon einmal dabei erwischt, wie Sie in einer verunsichernden Situation lieber eine gewohnte Rolle gespielt haben, anstatt sich ganz ehrlich zu zeigen? Wie leicht fällt es Ihnen im Alltag, auf künstliche Kontrolle zu verzichten und stattdessen das Risiko von echter, unperfekter Nähe einzugehen?

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor