Haben Sie sich eigentlich schon einmal ganz in Ruhe gefragt, wer Sie wirklich sind – und ob Veränderung nicht vielleicht in jedem einzelnen Moment unseres Lebens möglich ist?
In meiner Praxis begegnet mir dieses Phänomen immer wieder: Wir wachen jeden Morgen auf und greifen wie selbstverständlich nach der Erinnerung daran, wer wir zu sein glauben. Wir stehen auf mit genau den Geschichten, alten Mustern, Zweifeln und Etiketten, mit denen wir am Abend zuvor eingeschlafen sind. „Ich bin eben ein eher ängstlicher Mensch.“ „Ich schaffe schwere Entscheidungen eh nicht.“ „Ich war schon immer derjenige, der am Ende den Kürzeren zieht.“
Und dadurch erneuert sich Ihr konstruiertes Ich Tag für Tag aufs Neue.
Die nützliche Architektur unseres Ichs
Dieses tägliche „Update“ unseres konstruierten Ichs ist kein Fehler unseres Geistes, sondern prinzipiell eine meisterhafte Leistung und ein wichtiger Schutzmechanismus unserer Psyche. Es gibt uns Stabilität, Orientierung und Verlässlichkeit in einer unübersichtlichen, oft hektischen Welt. Wir brauchen diese festen Kennzahlen und Pfeiler unserer Identität – sie halten unser tägliches Leben überhaupt erst zusammen.
Wenn Sie Vater sind, Informatiker, eine verlässliche Kollegin, eine liebevolle Partnerin oder jemand, der im Berufsleben durch Pragmatismus und Stärke überzeugt – dann sind das kostbare und gewachsene Fundamente Ihres Lebens.
Diese Rollen und Eigenschaften schaffen nicht nur für Sie selbst Struktur, sondern noch viel mehr: Sie geben Ihrem gesamten Umfeld Orientierung. Die Menschen in Ihrem Leben – Ihre Kinder, Ihr Partner, Ihre Freunde und Kolleg*innen – lieben und wertschätzen Sie für genau diese Kontinuität. Niemand möchte jeden Morgen vor einem völlig unberechenbaren, fremden Menschen stehen. Ein starkes Kernfundament ist also nicht nur nützlich, sondern schlichtweg lebensnotwendig für das Gelingen menschlicher Beziehungen und für unser eigenes Sicherheitsgefühl.
Wenn das Fundament zum unsichtbaren Gefängnis wird
Die Kehrseite der Medaille zeigt sich jedoch genau dann, wenn wir diesen mentalen Anker zu fest werfen und das Fundament mit den Grenzen unseres Potenzials verwechseln. Denn zusammen mit unseren Stärken und verlässlichen Rollen laden wir morgens oft völlig unbemerkt auch all die alten Ballaststoffe neu auf.
Wir wachen auf und wiederholen unbewusst die Glaubenssätze, die uns vor Jahren oder gar Jahrzehnten einmal geprägt haben. Wir verwechseln die starren Grenzen unserer angelernten Denkgewohnheiten mit unserer wahren, lebendigen Identität. Und so wird das, was eigentlich Orientierung geben sollte, zu einer Fessel, die uns im Leben festhält und daran hindert, neue Wege zu beschreiten.
Alte Weisheit und moderne Psychologie: Das Ich als Konzept
Dass dieses „Ich“ gar kein starrer, unveränderlicher Betonklotz ist, sondern eine fortlaufende Konstruktion unseres Geistes, ist keineswegs eine neue Idee.
- Buddhismus & Advaita Vedanta: Im östlichen Denken ist das Konzept des „Nicht-Selbst“ (Anatta) beziehungsweise der Illusion eines getrennten Ego seit Jahrtausenden die zentrale Erkenntnis. Es besagt, dass es kein dauerhaftes, festes „Ich“ gibt, sondern nur einen ständigen Fluss von Gedanken, Empfindungen und Rollen.
- Moderne Psychotherapie (ACT): Ganz ähnlich greift das die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) auf. Hier sprechen wir vom „Ich als Kontext“ oder dem beobachtenden Selbst. Es geht darum zu erkennen: Sie sind nicht Ihre Gedanken, Sie sind der Raum, in dem diese Gedanken auftauchen.
Eine der tiefsten und befreiendsten Erkenntnisse, die ich in den vertrauten Gesprächen vor dem Bildschirm immer wieder gemeinsam mit meinen Klient*innen herausarbeiten darf, lautet daher: Sie sind nicht Ihre alten Geschichten. Sie sind das Bewusstsein, das diese Geschichten beobachtet.
Echte Veränderung bedeutet keineswegs, Ihr gesamtes bisheriges Leben einzureißen, Ihre Identität aufzugeben oder Ihre wertvollen Rollen über Bord zu werfen. Es geht überhaupt nicht darum, den fürsorglichen Vater oder den kompetenten Informatiker abzuschaffen. Es geht nicht darum, plötzlich ein völlig anderer Mensch zu werden.
Es geht vielmehr darum, das starre Korsett jener Glaubenssätze zu lockern, die Ihnen Kraft rauben, Ihre Lebendigkeit einschnüren und Sie blockieren. Was einmal im Kopf konstruiert wurde, darf auch wieder neu bewertet, hinterfragt und umgeschrieben werden.
Warum die Angst vor dem Kontrollverlust unbegründet ist
Oft erlebe ich in der Onlineberatung an dieser Stelle ein Zögern. Viele Menschen haben Angst, dass sie bei einer Veränderung alles verlieren könnten, was sie sich aufgebaut haben. Sie befürchten, vom Umfeld nicht mehr erkannt oder geachtet zu werden, wenn sie anfangen, alte Muster abzulegen.
Doch die Praxis zeigt etwas völlig Anderes: Wenn Sie anfangen, veraltete Muster loszulassen, verlieren Sie nicht Ihre Identität – Sie klären sie. Ein Vater, der seine eigene Perfektionsfalle loslässt, bleibt derselbe liebevolle Vater, wird aber für seine Kinder wieder greifbarer und entspannter. Ein Informatiker, der den Glaubenssatz „Ich darf keine Fehler machen“ ablegt, verliert nicht seine fachliche Kompetenz, gewinnt aber Gelassenheit und Freude an der Arbeit zurück.
Der erste Schritt in Richtung innerer Freiheit
Veränderung beginnt genau in dem Augenblick, in dem Sie morgens kurz innehalten, einmal tief durchatmen und für sich erkennen: Ich darf meine wertvollen Stärken, Kennzahlen und Rollen behalten – und trotzdem die alten, hinderlichen Muster Schritt für Schritt loslassen.
Sie müssen heute nicht automatisch die Person sein, die Sie gestern in Ihren Zweifeln, Ängsten oder Überforderungen waren. Jedes Aufwachen ist eine Einladung des Lebens, die Karten neu zu mischen. Sie haben in jedem Moment die Wahl, welche Geschichten Sie weitererzählen wollen – und welche Sie getrost in der Vergangenheit ruhen lassen können.
Liebe Leserinnen und Leser,
wenn Sie merken, dass Sie im Alltag immer wieder in dieselben Gedankenschleifen geraten und alte Muster Sie daran hindern, Ihr Leben mit mehr Leichtigkeit und Freiheit zu gestalten, nehmen Sie sich heute einen kurzen Moment der Stille. Welches veraltete Etikett möchten Sie heute ganz bewusst ablegen – ganz ohne dabei das zu verlieren, was Sie im Kern ausmacht? Wenn Sie sich auf diesem Weg der Klarheit, Neuausrichtung und inneren Entfaltung eine professionelle und einfühlsame Begleitung wünschen, bin ich in meiner Onlinepraxis gerne an Ihrer Seite.
