Wenn mich jemand im Alltag fragt: „Was hast du heute noch vor?“ oder „Was tust du gerade?“, erwische ich mich gar nicht so selten bei der Antwort: „Nichts.“

Es ist eine wunderbar kurze, fast befreiende Floskel. Doch wenn wir ein wenig genauer hinschauen, stellen wir fest: Diese Antwort stimmt so eigentlich überhaupt nicht. Die Vorstellung, wir könnten im wörtlichen Sinne „nichts tun“, ist eines der größten Missverständnisse unserer Zeit – und gleichzeitig ein zentraler Grund dafür, warum uns ein völlig unverplanter Nachmittag oft so unglaublich schwerfällt.

Der Statusfaktor „Viel um die Ohren“

In unserer Gesellschaft hat das „Nichtstun“ einen erstaunlich schlechten Ruf. Wer offen zugibt, dass er gerade nichts vorhat, gerät schnell unter den Verdacht der Faulheit oder Tatenlosigkeit. Geschäftigkeit hingegen wird als absolute Tugend gefeiert. Tun ist positiv besetzt: Wer arbeitet, wer organisiert, wer leistet, gilt als fleißig, engagiert und wertvoll.

Das zeigt sich besonders schön bei alltäglichen Terminabsprachen. Wenn es darum geht, sich auf einen Kaffee oder ein Treffen zu verabreden, hört man heute beinahe reflexhaft: „Puh, ich muss mal in meinen Kalender schauen – die nächsten Wochen und Monate bin ich eigentlich schon komplett dicht.“

Es ist regelrecht hip geworden, verplant zu sein. Ein übervoller Terminkalender signalisiert nach außen: Ich bin gefragt. Ich werde gebraucht. Mein Leben ist wichtig und ausgefüllt. Wer dagegen spontan Zeit hat, wirkt auf viele fast schon verdächtig oder unbedeutend. Wir haben uns angewöhnt, unseren eigenen Selbstwert über den Füllstand unseres Kalenders zu definieren – auch um vor anderen (und vor uns selbst) positiv dazustehen.

Das ständige Tun als Schutzschild vor dem eigenen Sein

In meiner Praxis der psychologischen Onlineberatung begegnet mir genau diese Dynamik immer wieder. Viele Menschen stehen unter einem enormen, oft unbewussten Druck, dauerhaft produktiv sein zu müssen. Doch hinter dieser ständigen Geschäftigkeit steckt häufig mehr als nur ein dichter Terminplan: Das ununterbrochene Tun dient uns erstaunlich oft als Schutzschild.

Solange wir organisieren, planen, abarbeiten und hetzen, bleibt unser Verstand beschäftigt. Das erzeugt eine gewohnte Struktur und ein Gefühl von Kontrolle. Sobald diese äußere Geräuschkulisse jedoch verstummt und der Kalender für einen Moment leer bleibt, richtet sich die Aufmerksamkeit unweigerlich nach innen.

In dieser Stille treten plötzlich Dinge an die Oberfläche, die wir im durchgetakteten Alltagsgetriebe wunderbar überspielen können:

  • Eine leise, diffuse Unruhe, die wir kaum gelernt haben auszuhalten.
  • Ungelöste innere Konflikte, alte Zweifel oder verdrängte Gefühle.
  • Der tief sitzende Glaubenssatz, dass wir nur dann existenzberechtigt sind, wenn wir etwas vorweisen oder leisten.

Das ständige Tun ist also häufig eine hochwirksame Vermeidungsstrategie. Wir rennen nicht nur von Verpflichtung zu Verpflichtung – wir rennen manchmal schlichtweg vor der begegnungsreichen Stille mit uns selbst weg.

Das Missverständnis: Das absolute Nichts existiert gar nicht

Wenn dann doch einmal der Mut aufgebracht wird, einfach „nichts zu tun“, scheitert dieser Versuch meist an einer völlig falschen Erwartungshaltung. Wir glauben, wir müssten dazu unsere Gedanken rigoros ausschalten, den Körper wie gelähmt einfrieren und in ein emotionales Vakuum eintauchen. Wenn das nicht klappt, wächst der Frust und man gibt auf.

Dabei gibt es dieses „absolute Nichts“ biologisch, physikalisch und psychologisch überhaupt nicht.

Selbst wenn Sie sich mit dem Vorsatz auf die Couch legen, die nächste Stunde absolut gar nichts zu tun, passiert in Ihrem Organismus unfassbar viel:

  • Ihr Körper ist hochaktiv: Ihr Herz schlägt rhythmisch, Ihre Lungen pumpen Sauerstoff, Ihr Gehirn verarbeitet Sinneseindrücke, Ihre Muskeln balancieren Sie aus.
  • Ihre Wahrnehmung läuft weiter: Sie spüren den Druck der Unterlage auf der Haut, Sie hören das Rauschen des Windes draußen, Sie riechen vielleicht das Holz des Tisches.
  • Der Impuls des Lebens fließt: Irgendwann spüren Sie ganz von allein den Wunsch, die Position zu verändern, sich zu strecken oder aufzustehen, um sich ein Glas Wasser zu holen.

Sie tun also nie „nichts“. Sie sind einfach. Sie atmen, Sie sitzen, Sie liegen, Sie existieren. Wer versucht, krampfhaft ein inneres Null-Niveau zu erzwingen, macht aus dem vermeintlichen Nichtstun nur die nächste disziplinierte Leistungsaufgabe – und scheitert zwangsläufig.

Die wahre Kunst: Das Zweckfreie wagen

Worin besteht also die eigentliche Kunst, wenn das Nichts gar nicht existiert? Sie besteht schlicht darin, die Zweckfreiheit zuzulassen.

Wir sind es in unserer Kultur gewohnt, dass nahezu jede Handlung ein Ziel verfolgen muss. Selbst unsere Freizeit gestalten wir inzwischen wie ein kleines Optimierungsprojekt: Wir machen Sport, um fitter zu werden, lesen Fachbücher, um uns weiterzubilden, oder meditieren, um danach wieder belastbarer zu sein. Die echte Regeneration beginnt jedoch erst dort, wo wir den Zwang zur Nützlichkeit für eine Weile bewusst über Bord werfen.

Wenn Sie einfach aus dem Fenster schauen und Löcher in den Tag strotzen, dann müssen Sie daraus keine tiefere Erkenntnis gewinnen. Sie müssen in diesem Moment weder produktiv sein noch ein Ergebnis vorweisen. Es geht schlicht darum, dem Impuls standzuhalten, die zeitliche Lücke sofort wieder mit der nächsten Aufgabe, dem nächsten Telefonat oder dem Griff zum Smartphone zu füllen.

Es ist die wohlwollende Erlaubnis an sich selbst, für einen Moment ohne Plan im Leben zu stehen – und zu spüren, dass man auch ohne vollen Kalender vollkommen wertvoll und ganz ist.

Liebe Leserinnen und Leser,

wie geht es Ihnen, wenn Sie in Ihren Terminkalender blicken? Verspüren Sie manchmal auch den unbewussten Druck, ständig beschäftigt sein zu müssen, um sich „nützlich“ oder gebraucht zu fühlen? Oder gelingt es Ihnen bereits, freie Zeit ohne schlechtes Gewissen einfach als zweckfreies Sein fließen zu lassen?

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor