Heute Morgen lief bei mir beim Kaffee mal wieder ein Podcast mit Gerald Hüther. Seine Gedanken begleiten mich schon seit vielen Jahren, doch ein Satz berührte mich heute bersonders – vielleicht, weil er genau den Nerv dessen trifft, worum es in meiner Arbeit geht, vielleicht aber auch, weil mich das Thema gerade privat bewegt. Hüther definiert Liebe so:
„Liebe ist das bedingungslose Interesse an der Entfaltung des oder der Geliebten.“
Ich habe meine Kaffeetasse gehalten, den Blick über die sanften Berge der Alta Langhe im Piemont schweifen lassen und diesen Satz ein paar Mal gedanklich wiederholt. Er hat eine unwahrscheinliche Wucht, wenn man ihn wirklich einatmet. Er bringt etwas zum Schwingen, das im Alltag so schnell untergeht. Denn seien wir ehrlich: Wie oft verwechseln wir Liebe mit dem Wunsch nach Sicherheit, nach Bestätigung oder dem Verlangen, festgehalten zu werden? Wie oft suchen wir im Gegenüber einen Anker für unsere eigenen Unsicherheiten – und knüpfen unsere Zuwendung unbewusst an Erwartungen, Bedingungen und unsichtbare Verträge?
In meinen Beratungssitzungen begegne ich sehr häufig Menschen, die genau an dieser Stelle ins Straucheln geraten. Manche stecken seit Jahren in einer Partnerschaft, andere stehen ganz am Anfang beim Kennenlernen. Sie spüren eine tief sitzende Sehnsucht nach Verbundenheit, sagen vielleicht sogar zueinander oder zu sich selbst: „Wir lieben uns doch!“ Und doch zeigt sich im gemeinsamen Hinschauen oft ein ganz anderes Bild: Es ist genau genommen eben keine bedingungslose Liebe, wenn der andere bestimmte Rollen erfüllen, Erwartungen bedienen oder Vorstellungen entsprechen muss, damit die Zuneigung fließt. Da ist viel Wunsch nach Nähe, aber sehr wenig Raum für das echte Wesen des anderen.
Das Missverständnis mit der Liebe
Wir wachsen in einer Kultur auf, die uns Liebe oft als einen Zustand verkauft, den man erreicht, festschreibt und dann verteidigt. „Du vervollständigst mich“ oder „Du bist mein Fels“ klingen im ersten Moment romantisch. Doch unter der Oberfläche schleicht sich schnell eine Haltung ein, die den anderen Menschen nicht in seiner Freiheit sieht, sondern in seiner Funktion für das eigene Wohlbefinden.
Das gilt keineswegs nur für langjährige Beziehungen. Gerade in der Phase des Kennenlernens lässt sich dieses Phänomen wunderbar beobachten. Wir begegnen einem neuen Menschen und sind sofort versucht, ein fertiges Bild von ihm zu malen. Wir projizieren unsere Wünsche, verpacken den anderen in unsere Vorstellungen und hoffen, dass er genau in diese Form passt.
Doch Gerald Hüthers Definition fordert uns heraus, diese Denkweise radikal auf den Kopf zu stellen. Bedingungsloses Interesse bedeutet eben gerade nicht: „Ich mag dich, solange du dich so verhältst, wie es mir guttut, und du genau in mein Lebenskonzept passt.“
Es bedeutet vielmehr: „Ich bin zutiefst neugierig darauf, wer du wirklich bist. Ich möchte sehen, was in dir steckt und wie du aufblühst – völlig unabhängig davon, ob es meine Erwartungen an dich erfüllt.“
Warum uns das bedingungslose Interesse oft schwerfällt
Warum ist diese Form der Liebe so mutig und im Beziehungsalltag oft so eine Herausforderung? Weil sie bedeutet, dass wir Kontrolle abgeben müssen. Echtes Interesse an der Entfaltung eines Menschen erfordert, dass wir den anderen weder besitzen noch formen wollen.
Die Angst vor dem Kontrollverlust beim Kennenlernen
Wenn wir jemanden neu kennenlernen, suchen wir oft nach Garantie. Wir prüfen ab, ob der andere „sicher“ ist. Wenn wir aber beginnen, echtes, bedingungloses Interesse zu zeigen, müssen wir die Bereitschaft mitbringen, uns auf das Unbekannte einzulassen. Wir erlauben dem Gegenüber, sich so zu zeigen, wie er oder sie ist – mit allen Ecken, Eigenheiten und unfertigen Seiten.
Die Verwechslung von Liebe und Bedürfnisbefriedigung
Oft nennen wir es „Liebe“, meinen aber eigentlich die Beruhigung unseres eigenen Nervensystems. Wenn der andere uns nicht sofort zurückschreibt oder eigene Wege geht, geraten wir in Panik. Echte Liebe im Sinne Hüthers fordert uns auf, diesen Impuls in uns wahrzunehmen, ihn aber nicht zur Bedingung für unsere Zuwendung zu machen.
Der Blick in den eigenen Spiegel: Selbstliebe neu gedacht
Gerald Hüthers Gedanke lässt sich nicht nur auf Partnerschaften anwenden. Er betrifft auch ganz zentral die Beziehung zu uns selbst. Wie steht es eigentlich um Ihr bedingungsloses Interesse an Ihrer eigenen Entfaltung?
Wir sind meistens unsere härtesten Kritiker. Wir begleiten unsere eigenen Entwicklungsschritte selten mit staunender Neugier, sondern meist mit einem strengen Anforderungskatalog. Wir erlauben uns selbst oft nur dann Mitgefühl und Zuneigung, wenn wir „funktioniert“ haben oder bestimmte Ziele erreichen. Aber was wäre, wenn Sie sich selbst mit genau dieser liebevollen Haltung betrachten würden? Mit dem Blick: „Ich bin gespannt, wer ich bin und was in mir steckt – ganz ohne mich ständig optimieren zu müssen.“
Die Erfahrung aus meinen Beratungsgesprächen zeigt immer wieder: Wir können anderen nur so viel freien Entfaltungsraum schenken, wie wir uns selbst zugestehen. Wer sich selbst ständig an strenge Bedingungen knüpft, wird auch beim Gegenüber schnell eng und ängstlich.
Was das für die Praxis in der Onlineberatung bedeutet
Manchmal werde ich gefragt, wie eine solche Haltung überhaupt über den Bildschirm hinweg erfahrbar werden kann. Schafft die digitale Distanz da nicht eine Hürde?
Meine Erfahrung ist eine ganz andere. Wenn Klientinnen und Klient in ihrer gewohnten, geschützten Umgebung zu Hause auf dem Sofa sitzen und mir über den Bildschirm begegnen, entsteht oft sehr schnell ein vertrauter Raum. Wenn in diesem Moment ein Gegenüber da ist, das kein Urteil fällt und keine Erwartungen stellt, sondern schlichtweg ein tiefes, bedingungsloses Interesse an ihrer Entfaltung mitbringt, passiert oft etwas Entscheidendes: Die Schutzmauern dürfen fallen. Menschen beginnen wieder zu spüren, wer sie ohne all die fremden Erwartungen eigentlich sind.
Liebe ist am Ende kein starres Gefühl, das einfach da ist oder fehlt. Sie ist eine tägliche Haltung. Die Entscheidung, dem anderen – und sich selbst – mit offenen Händen und neugierigen Augen zu begegnen.
Liebe Leserinnen und Leser,
wie viel bedingungsloses Interesse bringen Sie den Menschen in Ihrem Leben – und vor allem sich selbst – aktuell entgegen? Wo spüren Sie vielleicht noch unsichtbare Verträge oder Bedingungen, die Sie oder Ihre Beziehungen eng machen? Ich lade Sie herzlich ein, in den nächsten Tagen einmal ganz bewusst darauf zu achten, wo Sie Raum schenken können – und wo Sie selbst welchen brauchen.
