Es war ein Vormittag wie jeder andere, als mein Telefon klingelte. Eine Dame nutzte meine kostenfreie Sprechstunde. Wir sprachen über ihre Sorgen, über das, was sie gerade bedrückt, und über die kleinen Hürden ihres Alltags. Als wir zum Ende kamen, passierte etwas, das mich noch lange nach dem Auflegen beschäftigte. Sie schaute fast ungläubig auf die Uhr und sagte mit einer Mischung aus Erstaunen und tiefer Dankbarkeit:

„Wow, 45 Minuten… und ich habe das Gespräch beendet. Herzlichen Dank, Herr Schwenkkraus, für Ihre Zeit.“

Dieser Satz hallte in mir nach. In ihrer Stimme schwang eine Erleichterung mit, als hätte sie gerade ein kostbares Geschenk erhalten – dabei war es „nur“ Zeit. Es war das schlichte Zugeständnis, ausreden zu dürfen, ohne dass jemand bereits die nächste Türklinke in der Hand hält.

Die getaktete Seele: Wenn Empathie zum Luxusgut wird

In meiner täglichen Arbeit begegnen mir immer wieder Menschen, die sich zutiefst einsam fühlen – nicht, weil sie niemanden zum Reden hätten, sondern weil sie das Gefühl haben, dass niemand mehr die Zeit hat, wirklich zuzuhören.

Wir leben in einer Welt, in der alles optimiert werden muss. Sogar unsere Aufmerksamkeit scheint mittlerweile einer strengen Taktung zu unterliegen. Besonders schmerzhaft wird das dort, wo es eigentlich um Heilung und Beistand gehen sollte.

Zwischen Heilung und Effizienz: Wenn die Uhr mitregiert

Ob beim Arzt oder in der klassischen Seelsorge – überall scheint heute die unsichtbare Uhr mitzulaufen. Ein kurzes „Wo tut es weh?“, ein schnelles Rezept, und nach wenigen Minuten öffnet sich die Tür bereits für den nächsten Fall. Die Ökonomisierung unseres Lebens macht vor der menschlichen Seele nicht halt.

Heilung braucht Raum, keinen Zeitdruck

Dabei wissen wir aus der psychologischen Erfahrung: Wirkliche Heilung lässt sich nicht in starre Abrechnungsziffern pressen. Wenn die Seele schwer ist, hilft kein Fünf-Minuten-Takt. Wer sich aussprechen will, braucht das tiefe Gefühl, dass die Welt für einen Moment stillstehen darf. Dass da ein Gegenüber ist, das nicht verstohlen auf die Armbanduhr schielt oder gedanklich schon beim nächsten Termin ist. Empathie lässt sich nicht beschleunigen.

Das Ticken im Hintergrund: Der Verlust der echten Präsenz

Es ist fast so, als liefe überall ein Metronom mit, das uns antreibt. „Können wir das kurz machen?“ oder „Ich habe gerade nur fünf Minuten“ sind Sätze, die zu Standardsätzen unserer Kommunikation geworden sind. Doch was passiert mit den Zwischentönen? Was passiert mit den Dingen, die erst nach zwanzig Minuten Gespräch an die Oberfläche kommen würden?

In meiner Sprechstunde versuche ich, genau diesen Gegentrend zu setzen. Wenn wir uns im Gespräch begegnen, ist dieser Raum ein Ort, an dem die Zeit zweitrangig wird. Hier darf ausgesprochen werden, was sonst im Alltag oft weggeschnitten wird. Denn jemandem empathisch zuzuhören bedeutet: Ich schenke dir meine volle Präsenz. Ohne „Aber“, ohne „Gleich“ und ohne den Druck der nächsten vollen Stunde.

Was passiert, wenn uns niemand mehr hört?

Wenn Menschen das Vertrauen verlieren, dass ihre Geschichte Zeit wert ist, fangen sie an, sich innerlich zurückzuziehen. Sie kürzen ihre Sorgen ab, lassen das Wesentliche weg oder verstummen ganz. Aber unterdrückte Gefühle verschwinden nicht – sie stauen sich an.

Zeit als die ehrlichste Währung der Wertschätzung

Das Erlebnis mit der Dame aus meiner Sprechstunde hat mir wieder vor Augen geführt, dass Zeit die höchste Form der Wertschätzung ist, die wir einem anderen Menschen entgegenbringen können. Es geht nicht immer um Stunden; es geht darum, in dem Moment, den man teilt, wirklich da zu sein.

Vielleicht können wir uns gegenseitig wieder öfter solche „Zeit-Inseln“ schenken, in denen die Uhr für einen Moment aufhört zu ticken.

Liebe Leserinnen und Leser,

wann hatten Sie das letzte Mal das Gefühl, dass Ihnen jemand wirklich ohne Zeitdruck zugehört hat? Wir alle sehnen uns nach Räumen, in denen wir einfach „sein“ dürfen, ohne dass die nächste Erledigung schon an der Tür klopft. Ich wünsche Ihnen für die kommende Woche einen solchen Moment der Stille und der echten Begegnung – sei es in einem guten Gespräch oder in einem Augenblick, in dem Sie sich selbst die Zeit schenken, die Sie gerade brauchen.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor