Herr Schwenkkraus, ich möchte einfach endlich dauerhaft gelassen bleiben. Warum schaffe ich es nicht, dass mich die Dinge nicht mehr so aus der Ruhe bringen?“
Hinter dieser Frage steckt ein tiefes Bedürfnis nach Frieden – aber leider auch ein fundamentales Missverständnis. Wir leben in einer Zeit, in der Gelassenheit oft wie eine Dauerleistung verkauft wird: Wer noch wütend wird, wer getriggert reagiert oder nachts grübelnd wach liegt, habe seine Emotionen schlicht noch nicht „im Griff“ oder nicht genug meditiert.
Doch die Natur kennt keine starren, unveränderlichen Zustände. Ein Ozean ist nicht immer spiegelglatt, und ein Wald bleibt im Herbst nicht grün. Warum also erwarten wir von unserem menschlichen Nervensystem eine permanente Windstille?
„Gelassenheit ist nicht das Verharren im windstillen Hafen, sondern die Kunst, wie ein Baum im Sturm geschmeidig mitzuschwingen und immer wieder mühelos in die eigene Aufrichtung zurückzufedern.“
Rainer Schwenkkraus
Echter innerer Frieden entsteht nicht dadurch, dass wir unberührbar werden. Er entsteht durch die Fähigkeit zur dynamischen Rückkehr: die Kunst, uns vom Leben bewegen und aufrütteln zu lassen – und anschließend immer wieder den Weg zurück in unsere Mitte zu finden.
1. Das Getriggert-Sein ist kein persönliches Versagen
Wenn uns eine schroffe Bemerkung der Partnerin, eine E-Mail der Vorgesetzten oder eine plötzliche Absage aus der Bahn wirft, schlägt unser Nervensystem blitzschnell Alarm. Herzklopfen, Enge in der Brust oder ein kochender Kopf – all das sind uralte, biologische Schutzfunktionen.
Unser Nervensystem unterscheidet im ersten Moment nicht zwischen einem Säbelzahntiger und einer kränkenden Bemerkung. Es will uns beschützen. Das Problem ist nicht dieser Impuls an sich, sondern das, was unser Verstand daraus macht. Sofort meldet sich der innere Kritiker: „Jetzt sei doch nicht schon wieder so empfindlich! Du müsstest doch längst weiter sein.“
Hier lohnt sich eine simple psychologische Formel, die uns verdeutlicht, wo der eigentliche Schmerz entsteht:
LEID = Schmerz x Widerstand
Der emotionale Trigger erzeugt den ersten Schmerz – das ist die natürliche Welle des Lebens. Das Leid jedoch entsteht erst durch unseren gedanklichen Widerstand dagegen: durch das Kämpfen gegen das Gefühl, das Verurteilen der eigenen Reaktion und den Versuch, den Zustand erzwingen zu wollen. Wenn wir den Widerstand aufgeben, schrumpft das Leid – und der ursprüngliche Schmerz darf einfach durch uns hindurchfließen.
2. Der Verstand als Werkzeug, nicht als Herrscher: Die Adlerperspektive
In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) nutzen wir ein wunderbares Konzept: das „Selbst als Kontext“.
Stellen Sie sich Ihr Bewusstsein wie den endlosen, blauen Himmel vor. Ihre Gedanken, Gefühle, Zweifel und körperlichen Trigger sind wie das Wetter: Manchmal zieht ein heftiges Gewitter auf, manchmal hängt dicker Nebel über der Landschaft, und manchmal scheint die Sonne.
Der Denkfehler, den wir oft machen: Wir identifizieren uns mit dem Wetter. Wir glauben, wir seien der Sturm. Doch der Himmel leidet nicht unter dem Gewitter. Er versucht nicht, die Wolken wegzuschieben oder den Regen zu verbieten. Er bietet ihnen schlicht den Raum, zu sein – wohlwissend, dass jedes Unwetter weiterzieht.
Wenn Sie das nächste Mal spüren, dass ein Trigger Sie erfasst, nehmen Sie bewusst die Adlerperspektive ein. Treten Sie ein Stück zurück und beobachten Sie das Wetter in Ihrem Kopf und Körper. Sie müssen das Wetter nicht verändern. Es reicht zu erkennen: Ich bin nicht der Sturm. Ich bin der Raum, in dem der Sturm stattfindet.
3. Der Körper als Anker: Stressladung entladen
Trigger finden nicht nur im Kopf statt, sondern vor allem im Körper. Wenn das Nervensystem hochfährt, wird Energie ausgeschüttet – Adrenalin und Kortisol fluten die Adern. Wer jetzt versucht, reine „Kopf-Achtsamkeit“ zu betreiben und stillzusitzen, scheitert oft, weil der biologische Impuls nach Entladung ruft.
Tiere machen es uns vor: Ein Rehkitz, das einem Raubtier knapp entkommen ist, schüttelt nach dem Schrecken minutenlang den ganzen Körper aus. Es entlädt die körperliche Stressenergie, bevor es friedlich weitergrast.
Wir Menschen haben verlernt, diese körperliche Welle zu vollenden. Wenn Sie sich getriggert fühlen, nutzen Sie Bewegung als Verkörperung Ihrer Rückkehr:
- Gehen Sie zügig an der frischen Luft spazieren.
- Schütteln Sie Arme und Beine bewusst aus.
- Spüren Sie Ihre Fußsohlen fest auf dem Boden (Erdung).
Erst wenn der Körper signalisiert bekommt: „Wir sind wieder sicher“, kann auch der Verstand wieder klarsichtig werden.
4. Radikale Gastfreundschaft: Dem Gefühl die Tür öffnen
Der persische Mystiker Rumi beschrieb das menschliche Dasein einst wie ein Gästehaus. Jeden Morgen trifft ein neuer Gast ein: eine Freude, eine Deprimiertheit, eine Gemeinheit oder ein Moment der Angst. Seine Empfehlung: „Begrüße und bewirte sie alle! Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist. Heiße sie willkommen und ehre sie.“
In der Onlineberatung nenne ich das die Haltung der Radikalen Gastfreundschaft. Ein Trigger ist oft nichts anderes als ein ungebetener, lauter Gast, der an die Tür klopft. Je mehr wir versuchen, die Tür zuzuhalten, desto lauter hämmert er dagegen. Erst wenn wir die Tür öffnen und ihm einen Stuhl anbieten, verliert er seinen bedrohlichen Schrecken.
Die 5-Schritte-Übung für den Alltag: Das Gästehaus der Emotionen
Damit diese Erkenntnisse nicht bloße Theorie bleiben, habe ich eine einfache 5-Schritte-Praxis entwickelt, die Sie direkt beim nächsten Trigger im Alltag anwenden können:
- Anhalten & Atmen (Der Türpfosten): Spüren Sie den Impuls des Triggers, halten Sie kurz inne. Nehmen Sie einen tiefen, bewussten Atemzug. Das ist Ihr Innehalten an der Türschwelle.
- Namen geben (Die Einladung): Benennen Sie leise, was gerade da ist, ohne es zu bewerten: „Da ist Wut“ oder „Da meldet sich gerade Existenzangst.“ Durch das Benennen aktivieren Sie Ihren beobachtenden Verstand.
- Im Körper lokalisieren & Hand auflegen (Der Platz im Raum): Wo im Körper spüren Sie die Emotion? Im Bauch? Im Hals? Legen Sie sanft eine Hand auf diese Stelle. Schenken Sie sich selbst Wärme.
- Raum schenken (Die Weite des Himmels): Atmen Sie bewusst in diese Körperregion hinein. Stellen Sie sich vor, wie Ihr Bewusstsein sich weitet und dem Gefühl Platz macht. Sie müssen es nicht auflösen – nur nicht mehr einengen.
- Die Frage des Gastes: Fragen Sie diesen Anteil mit liebevoller Neugier: „Was brauchst du gerade von mir?“ Manchmal ist es Ruhe, manchmal ein klares Nein nach außen, manchmal einfach Mitgefühl.
Gelassenheit ist kein Zustand – es ist ein Tanz
Lassen Sie uns den Anspruch aufgeben, perfekt unerschütterlich zu sein. Echtes Leben findet im Werden und Vergehen statt, im Einatmen und Ausatmen, im Tun und im Sein.
Wenn Sie das nächste Mal aus Ihrer Mitte geworfen werden, lächeln Sie sich selbst zu. Sie sind nicht gescheitert. Sie sind einfach mitten im Leben. Die Kunst besteht darin, sich sanft an die Hand zu nehmen und Schritt für Schritt wieder aufzurichten – geschmeidig wie der Baum im Sturm.
Liebe Leserinnen und Leser,
wie erleben Sie das Thema Gelassenheit in Ihrem Alltag? Kennen Sie Momente, in denen der Versuch, ruhig zu bleiben, nur noch mehr Druck erzeugt hat? Und welche kleinen Anker helfen Ihnen persönlich dabei, nach einem Trigger wieder zu sich selbst zurückzufinden?
Berater und Autor
