Es gibt Sätze, die ich in meiner Onlineberatung immer wieder mal höre – mal im Nebensatz, mal ganz direkt, wenn wir über Stressabbau, Erdung oder Regeneration sprechen: „Ach, wissen Sie, Herr Schwenkkraus, dieses Natur-Ding… das ist einfach nicht so meins.” Ich nicke dann meistens erst einmal. Ich verstehe ja, was gemeint ist. Man mag keine Mücken, keine schlammigen Schuhe und das Sofa ist gemütlicher als ein feuchter Baumstamm. Aber tief in mir drin regt sich bei diesem Satz ein ganz sanfter, aber sehr bestimmter Widerspruch.
Denn bei Licht betrachtet ist die Aussage „Natur ist nichts für mich“ in etwa so logisch wie:
- „Atmen? Nee, das ist nicht so mein Ding.“
- „Essen und Schlafen? Ach, das ist mir zu altmodisch, das brauche ich nicht.“
Die große Illusion der Wahlfreiheit
Wir leben in einer Welt, in der wir fast alles auswählen können. Wir können uns entscheiden, ob wir Kulturmenschen sind oder lieber Netflix schauen. Ob wir lieber italienisch oder vietnamesisch essen. Ob wir in der Stadt wohnen oder auf dem Land. Weil wir so viel wählen können, haben wir irgendwann angefangen zu glauben, die Natur sei auch so ein Lifestyle-Angebot. Ein Menüpunkt, den man ankreuzen kann – oder eben nicht. Ein nettes Hobby für Wanderbegeisterte und Outdoor-Fans.
Doch das ist ein fundamentaler Irrtum.
Wir können uns nicht für oder gegen die Natur entscheiden, weil wir selbst Natur sind.
Wir sind keine biologischen Maschinen, die zufällig auf diesem Planeten platziert wurden und auch in einer komplett künstlichen, sterilen Plastikwelt perfekt funktionieren. Unser Körper, unser Nervensystem, unser Gehirn – all das hat sich über Jahrmillionen in direkter Co-Existenz und Wechselwirkung mit der natürlichen Welt entwickelt. Unser Biorhythmus reagiert auf das Tageslicht, unser Nervensystem kalibriert sich beim Anblick von Fraktalen (wie sie in Baumkronen vorkommen) neu, und unsere Atmung beruhigt sich, wenn wir Waldluft einatmen.
Das Problem mit der Zeitverzögerung
Warum merken wir das nicht sofort? Warum können Menschen jahrelang in Betonwüsten leben und glauben, es gehe ihnen gut?
Der Unterschied zu den anderen Grundbedürfnissen liegt schlicht in der Zeitspanne der Rückmeldung:
- Wenn wir aufhören zu atmen, rebelliert unser Körper nach wenigen Sekunden. Todesangst setzt ein.
- Wenn wir aufhören zu schlafen, halluzinieren wir nach wenigen Tagen und brechen zusammen.
- Wenn wir aufhören zu essen, verhungern wir nach einigen Wochen.
- Wenn wir uns von der Natur entfremden, merken wir es oft erst nach vielen Jahren.
Es schleicht sich an. Es zeigt sich nicht als plötzlicher Erstickungsanfall, sondern als chronische Müdigkeit, als diffuse innere Unruhe, als Schlafstörung, als das Gefühl von Sinnleere oder als Burnout. Ich bin kein Mediziner und will die Schäden hier gar nicht weiter vertiefen. Aber die Wissenschaft zeigt immer deutlicher, dass eine dauerhafte Entfremdung von unserer natürlichen Umwelt der Nährboden für zahlreiche schwere Erkrankungen ist, die uns schleichend die Lebenskraft rauben. Wir nennen es dann „Stress“ oder „Überarbeitung“ und suchen die Lösung in der nächsten Optimierungs-App. Dabei fehlt uns schlicht das Fundament. Unser System läuft dauerhaft im roten Bereich, weil ihm die natürliche Umgebung fehlt, in der es sich regenerieren kann.
Natur ist kein Wellness-Trend, sie ist Medizin
Wenn wir also in der Beratung nach Wegen suchen, wie Sie wieder zu Kräften kommen, wie Sie Ihr Gedankenkarussell stoppen und Ihr Nervensystem beruhigen können, dann schicke ich Sie nicht in den Wald, weil das gerade „in“ ist. Ich tue es, weil es eine biologische Notwendigkeit ist.
Sie müssen dafür kein Extrem-Outdoor-Spezialist werden. Sie müssen nicht im Zelt schlafen oder barfuß durch den Schlamm waten, wenn Ihnen das widerstrebt. Aber wir müssen anerkennen, dass der Kontakt zur natürlichen Welt – und sei es der Blick ins Grüne, die tägliche Dosis Tageslicht oder das bewusste Spüren des Windes auf der Haut – keine Option ist, die man weglassen kann, ohne dafür einen Preis zu zahlen.
Wir brauchen die Natur. Nicht als Kulisse für unser Leben, sondern als dessen Lebenselixier.