Wenn ich nach einem Tag voller Beratungsgespräche den Computer ausschalte, bleibt oft ein ganz bestimmter Eindruck zurück: Viele Menschen wirken heute unheimlich getrieben. In meiner Arbeit geht es heute selten nur um die klassischen, isolierten Krisen. Viel häufiger spüre ich eine tiefe, fast schon chronische Erschöpfung, die aus einem permanenten inneren Kampf resultiert: dem Kampf gegen das Unvorhersehbare, dem verzweifelten Versuch, das Leben lückenlos zu kontrollieren, zu optimieren und gegen jede Form von Schmerz, Unsicherheit oder Spontaneität abzusichern.

Wir planen unsere Karrieren, wir takten unsere Freizeit bis ins letzte Detail, wir tracken unseren Schlaf mit Apps und versuchen, unsere Beziehungen krisenfest zu designen. Und während wir so unendlich beschäftigt damit sind, das Leben „richtig“ zu machen, drängt sich mir immer wieder eine Frage auf: Wo ist er eigentlich geblieben, der Lebenskünstler? Ist diese wunderbare Spezies im Begriff, still und leise auszusterben?

Was war noch mal ein Lebenskünstler?

Wenn wir an einen „Lebenskünstler“ denken, haben wir oft das Klischee eines charmanten Tagträumers vor Augen. Jemand, der mit einem Glas Wein in der Hand in den Tag hineinlebt, finanzielle Sorgen einfach weglächelt und sich um das Morgen schlicht keine Gedanken macht. Doch das greift viel zu kurz. Ein echter Lebenskünstler ist kein verantwortungsloser Realitätsverweigerer.

Für mich ist ein Lebenskünstler ein Mensch, der eine zutiefst gesunde, psychologische Flexibilität besitzt. Und das Fundament dieser Flexibilität ist eine radikale, liebevolle Akzeptanz dessen, was ist – und zwar genau im Hier und Jetzt.

Es ist die Kunst, dem Leben nicht mit einem starren, unbarmherzigen Masterplan zu begegnen, sondern mit der Bereitschaft, den gegenwärtigen Moment als die einzige Realität anzunehmen, die wir überhaupt besitzen. Ein Lebenskünstler weiß, dass Pläne nur gedankliche Konstrukte für eine Zukunft sind, die noch gar nicht existiert. Er besitzt die seltene Gabe, im Unperfekten eine eigene Ästhetik zu sehen, im Ungeplanten eine Chance zu wittern und der permanenten Unsicherheit unserer Existenz mit einem Schulterzucken, einem tiefen Atemzug und einem Lächeln zu begegnen.

Das Wu-Wei und die Weisheit der Unsicherheit

Diese Haltung ist keineswegs neu. Sie erinnert stark an das, was der Autor Theo Fischer in seinen Büchern über das taoistische Prinzip des Wu-Wei so treffend beschrieben hat: das Handeln durch Nichthandeln. Fischer lehrte uns, dass das Leben am besten gelingt, wenn wir aufhören, die Dinge krampfhaft erzwingen zu wollen. Wu-Wei bedeutet nicht Faulheit, sondern das Fließen mit dem Strom der Dinge, das intuitive Agieren im gegenwärtigen Moment, ohne dem Leben den eigenen, starren Willen aufzuzwingen. Es ist das Vertrauen darauf, dass das Leben sich von selbst entfaltet, wenn wir aufhören, ihm ständig im Weg zu stehen.

Auch der Religionsphilosoph Alan Watts widmete sein gesamtes Werk der Befreiung des Geistes aus der Zukunftskonstruktion. In seinem Klassiker „Weisheit des ungesicherten Lebens“ beschrieb Watts meisterhaft, dass unser Versuch, das Leben abzusichern, wie der Versuch ist, Wasser in einem Netz zu fangen. Je fester wir zudrücken, desto schneller zerrinnt es uns zwischen den Fingern. Watts betonte unermüdlich:

„Das Leben existiert nur in diesem Moment, und in diesem Moment ist es unendlich und ewig.“

Der Lebenskünstler ist im Grunde ein praktizierender Taoist im modernen Gewand. Er hat verstanden, dass das Leben kein mathematisches Rätsel ist, das es fehlerfrei im Voraus zu lösen gilt, sondern eine Melodie, die im Jetzt gespielt und gehört werden will.

Die Tyrannei der totalen Kontrolle – und die Flucht aus dem Jetzt

In meiner Arbeit, aber auch im privaten Umfeld sehe ich oft genau das Gegenteil dieser Leichtigkeit. Menschen erzählen mir von ihrer lähmenden Angst, falsche Entscheidungen zu treffen. Der Druck, die „perfekte“ Work-Life-Balance zu finden oder den Lebenslauf lückenlos zu gestalten, lastet wie ein tonnenschweres Gewicht auf den Schultern.

Wir leben fast ausschließlich in der Vergangenheit (in Form von Grübeleien und Bedauern) oder in der Zukunft (in Form von Sorgen und Planungen). Das Hier und Jetzt verkommt dabei zu einem reinen Durchgangsstadium, einem Mittel zum Zweck, um irgendein zukünftiges Ziel zu erreichen. Wenn ein Wochenende mal keine Verabredungen oder To-Dos bereithält, fühlen wir uns unproduktiv oder einsam, weil wir die nackte Gegenwart kaum noch aushalten können. Wenn ein Lebensweg sich verzögert, gehen wir sofort in den Widerstand. Wir bewerten, wir verurteilen, wir kämpfen gegen die Realität an.

Doch die die östliche Philosophie lehrt uns ein paradoxes Gesetz: Der Schmerz gehört zum Leben, aber das Leiden entsteht erst durch unseren Widerstand gegen diesen Schmerz im Hier und Jetzt. Je mehr wir versuchen, die Kontrolle über die Zukunft zu behalten, desto größer wird unsere Angst im Heute. Wir bauen uns goldene Käfige aus vermeintlicher Sicherheit und wundern uns, warum uns die Luft zum Atmen fehlt. Der Lebenskünstler hingegen weiß: Die einzige Sicherheit im Leben ist seine ständige Veränderung. Und der einzige Ort, an dem wir dieser Veränderung begegnen können, ist die Gegenwart.

Akzeptanz ist kein Aufgeben – es ist das Ankommen in der Realität

Oft wird Akzeptanz mit Resignation oder Passivität verwechselt. Man denkt: „Wenn ich die Situation jetzt so annehme, dann bleibt es für immer so.“ Aber das ist ein Trugschluss. Akzeptanz bedeutet schlicht und ergreifend, die Realität in diesem Moment als das anzuerkennen, was sie ist: die Realität. Sie ist das „Ja, es ist jetzt gerade so.“

Alan Watts nutzte oft das Bild des Schwimmens: Wenn du ins Wasser fällst, kannst du versuchen, dich am Wasser festzuhalten – dann wirst du untergehen. Erst wenn du dich entspannst, flach aufs Wasser legst und dich tragen lässt, fängst du an zu schwimmen.

Erst wenn wir aufhören, Energie darauf zu verschwenden, dass dieser Moment anders sein sollte, als er es nun mal ist, wird diese Energie frei. Frei für Kreativität. Frei für die Improvisation. Erst wenn ich akzeptiere, dass es jetzt regnet, kann ich mir überlegen, ob ich im Regen tanze oder mir einen gemütlichen Tag drinnen mache. Solange ich mich nur darüber ärgere, dass die Sonne nicht scheint, stehe ich schimpfend am Fenster und verpasse das einzige Leben, das ich gerade habe: dieses Jetzt.

Die Kunst des Seins zurückgewinnen

Wie können wir also wieder ein Stück weit zum Lebenskünstler werden, ohne gleich unsere gesamte Existenz über Bord zu werfen?

  • Das „Es ist, wie es ist“ im Jetzt kultivieren: Üben Sie sich in kleinen Momenten des Alltags darin, den Widerstand aufzugeben. Der Zug hat Verspätung? Atmen Sie durch. Spüren Sie den Boden unter Ihren Füßen. Die Realität hat bereits entschieden. Nutzen Sie den Moment, um einfach nur wahrzunehmen, statt zu bewerten.
  • Wu-Wei im Alltag wagen: Vertrauen Sie darauf, dass nicht alles von Ihrer bewussten Anstrengung abhängt. Theo Fischer beschrieb es so, dass wir lernen dürfen, der inneren Stimme und dem Fluss der Ereignisse wieder zu vertrauen, anstatt alles mit dem Verstand erzwingen zu wollen.
  • Die Illusion der Zukunft durchschauen: Erinnern Sie sich an Alan Watts: Die Zukunft ist ein Morgen, das niemals kommt. Es gibt nur das Heute. Wenn Sie sich erwischen, wie Sie gedanklich schon beim nächsten Projekt oder der nächsten Sorge sind, holen Sie sich sanft zurück in den Atem, den Geschmack Ihres Kaffees oder das Geräusch des Regens vor dem Fenster.
  • Fehler als Teil des Flusses sehen: Wenn etwas schiefgeht, betrachten Sie die Situation mit Neugier statt mit Verurteilung. Es ist kein existenzielles Scheitern, sondern einfach der neue Ausgangspunkt für den nächsten Moment.

Der Lebenskünstler ist nicht ausgestorben. Er ist nicht totzukriegen. Er ist nur manchmal verschüttet unter Bergen von To-Do-Listen, gesellschaftlichen Erwartungen und dem ewigen, lauten Rauschen unseres optimierten Alltags. Aber er wartet in jedem von uns darauf, mit einem tiefen, befreienden Ausatmen im Hier und Jetzt wieder geweckt zu werden.

Liebe Leserinnen und Leser,

wo im Leben versuchen Sie gerade krampfhaft, eine Zukunft abzusichern, während das Hier und Jetzt an Ihnen vorbeizieht? Erlauben Sie sich heute einen Moment des Innehaltens: „Es ist jetzt gerade so. Und nun schaue ich, was ich daraus mache.“ Der Lebenskünstler in uns braucht oft nur den Mut zur Akzeptanz, um wieder die Bühne zu betreten. Wenn Ihnen der Kontrollzwang die Leichtigkeit raubt, lassen Sie uns gerne gemeinsam hinschauen, um wieder mit mehr Vertrauen durchs Leben zu gehen.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor