Manchmal sitze ich am späten Nachmittag vor dem Bildschirm. Mein Gegenüber schaut mich an – mit einem Blick, in dem eine tiefe, leise Erschöpfung liegt. Es ist nicht die Müdigkeit nach körperlicher Höchstleistung, sondern eine Form von innerer Entfremdung. Erst kürzlich sagte mir ein Klient mit einem spürbaren Seufzen: „Herr Schwenkkraus, ich mache doch eigentlich alles richtig. Ich gehe nach Feierabend extra in den Wald, um abzuschalten. Aber ich komme dort einfach nicht an. Ich stehe vor den Bäumen und mein Kopf rattert pausenlos weiter.“
Als wir in dieser Sitzung ein Stück tiefer blickten, zeigte sich genau das Phänomen, das so viele von uns betrifft: Es geht hierbei nicht nur um klassischen Stress. Es geht darum, dass wir schleichend am eigentlichen Leben vorbeileben. Wir haben verlernt, die Welt unberührt wahrzunehmen, weil unser Verstand sich daran gewöhnt hat, absolut alles augenblicklich zu benennen, einzusortieren, zu analysieren und zu bewerten.
Kaum betreten wir den Wald, sieht das Auge keine namenlose, lebendige Szenerie mehr. Stattdessen schaltet sich sofort unser begriffliches Denken ein: „Ah, eine alte Eiche. Dahinter eine Fichte. Das Moos sieht aber trocken aus. Erinnert mich an den Garten meiner Eltern… eigentlich müsste ich dort auch mal wieder anrufen.“ In Sekundenbruchteilen schiebt sich eine dicke Wand aus Wörtern, Begriffen und Assoziationen zwischen uns und die Wirklichkeit. Wir berühren die Welt nicht mehr direkt; wir berühren nur noch unsere Gedanken über die Welt.
Die Speisekarte ist nicht das Essen
Der Religionsphilosoph Alan Watts hat diesen verhängnisvollen Mechanismus in seinem Werk Weisheit des ungesicherten Lebens in ein wunderbares Bild gefasst: Wir neigen in unserer modernen Kultur dazu, das Symbol für die Realität zu halten. Wir verwechseln – bildlich gesprochen – die gedruckte Speisekarte im Restaurant mit dem eigentlichen Abendessen.
Wenn wir durch die Natur oder durch unser eigenes Leben gehen und jedem Ding sofort einen Namen geben, glauben wir fälschlicherweise, wir hätten die Sache erfasst. Wir haben den Baum „Eiche“ genannt, ihn mental abgehakt und in der passenden Schublade unseres Wissens abgelegt. Doch das Wort „Eiche“ ist nur eine kühle Abstraktion, ein erfundenes Schildchen auf einer inneren Landkarte. Es hat nichts mit dem rauen Gefühl der Rinde unter den Handflächen zu tun, nichts mit dem spezifischen Harzgeruch in der Sommerhitze und nichts mit dem unendlichen Zusammenspiel von Licht und Schatten auf den Blättern.
Theo Fischer greift in seinem Buch Wu Wei – Die Lebenskunst des Tao genau diesen Gedanken aus der östlichen Philosophie auf. Er beschreibt eindringlich, was passiert, wenn wir aus dem reinen, spontanen Wahrnehmen heraustreten: Wir versuchen krampfhaft, das Leben durch begriffliches Erfassen zu kontrollieren. Doch indem wir alles benennen und einordnen wollen, erzeugen wir eine künstliche Reibung. Statt im natürlichen Fluss der Dinge zu verweilen und das Sein mühelos geschehen zu lassen, zwingen wir der Welt unser gedankliches Raster auf. Wir wollen das Leben besitzen, indem wir ihm Namen geben – und verlieren dabei den lebendigen Kontakt zu ihm.
Wann das Etikettieren Sinn macht – und wann es uns schadet
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Die Fähigkeit unseres Gehirns, Dinge zu kategorisieren, ist an sich kein Konstruktionsfehler. Für die Navigation im Alltag, im Beruf, in der Wissenschaft oder beim Verstehen komplexer Zusammenhänge ist diese gedankliche Ordnung unendlich nützlich.
Wenn uns allerdings eine reale Gefahr droht – etwa wenn wir die Straße überqueren und plötzlich ein Auto herannaht –, springen wir keineswegs weg, weil unser Verstand das Geschehen erst gedanklich analysiert. Es sind unsere Reflexe, unser Instinkt und unser Nervensystem, die völlig ohne Worte im Bruchteil einer Sekunde handeln. Ganz genau so, wie auch ein Hund instinktiv zur Seite weicht, ohne ein sprachliches Konzept von „Gefahr“ im Kopf zu haben. Der benennende Verstand kommt erst einen Augenblick später ins Spiel, um das Erlebte einzuordnen.
Das eigentliche Problem entsteht erst dann, wenn dieser analysierende Verstand sich gar nicht mehr abschalten lässt. Wenn er auch dann noch fieberhaft alles etikettieren und bewerten muss, wenn wir längst in Sicherheit sind – beim Spaziergang im Wald, im ruhigen Gespräch mit geliebten Menschen oder beim Blick in den Abendhimmel. Dann wird das nützliche Werkzeug zum gedanklichen Gefängnis.
In meiner Praxis sehe ich dabei vor allem drei schleichende Folgen:
1. Die Entfremdung von den eigenen Sinnen
Wenn wir ein Tier dabei beobachten, wie es über eine Wiese läuft, sehen wir ein Wesen, das mit jeder Faser im Augenblick ist. Es riecht die Erde, spürt den Wind, tastet das Gras ab – völlig ohne Worte. Wir Menschen hingegen „denken“ die Natur meistens nur noch. Wir gehen durch eine wunderschöne Landschaft und konsumieren sie gedanklich wie ein Wörterbuch. Dadurch verblasst die sinnliche Tiefe unseres Lebens. Die Welt wird flach, trocken und verliert ihren natürlichen Zauber.
2. Das Verstricken in den eigenen Emotionen und Körperempfindungen
Besonders eindringlich zeigt sich dieser Benennungswahn, wenn wir ihn auf unsere Innenwelt anwenden. Viele Menschen stehen unter enormem inneren Druck, weil ihr Verstand jede feine körperliche Empfindung augenblicklich etikettieren muss. Ein ganz normales, leichtes Engegefühl im Brustkorb nach einem langen Arbeitstag wird vom Kopf binnen Millisekunden als „Gefahr“, „Überforderung“ oder „Kontrollverlust“ benannt. Anstatt die reine körperliche Empfindung – ein Ziehen, eine Wärme, einen Druck – erst einmal wertfrei da sein zu lassen und durchzuatmen, zieht das aufgeklebte Etikett sofort eine Lawine aus Gedanken, Sorgen und Gegenmaßnahmen nach sich. Das Etikett macht aus einem flüchtigen Körpersignal ein gedankliches Drama.
3. Der Verlust des staunenden Begreifens
Erinnern Sie sich daran, wie Kinder die Welt entdecken? Ein kleines Kind kann Minuten lang fasziniert vor einem Käfer auf einem Stein knien. Es kennt weder den Namen noch die biologische Gattung. Es nimmt einfach die schillernden Farben, die winzigen Bewegungen und das Wunder der Existenz wahr. Sobald wir erwachsen sind und den Begriff „Marienkäfer“ gelernt haben, nickt unser Verstand nur noch kurz ab: „Ach so, ein Marienkäfer.“ Wir gehen weiter. Das Etikett hat das Staunen getötet.
Wie wir das unbeschriebene Wahrnehmen wieder erlernen können
Weder Alan Watts noch Theo Fischer plädieren dafür, den Verstand gewaltsam abzuschalten oder das Denken zu verteufeln. Es geht schlicht darum, das Werkzeug dann abzulegen, wenn keine Analyse gebraucht wird. Es geht darum, für Momente unter der Oberfläche der Sprache durchzutauchen und die Welt wieder direkt zu berühren.
Hier sind einige feine, lebensnahe Übungen, die ich in der Beratung gerne als kleine Impulse für den Alltag mitgebe:
- Das namenlose Betrachten: Wenn Sie das nächste Mal draußen unterwegs sind oder aus dem Fenster schauen, suchen Sie sich ein Detail aus – das Blatt einer Zimmerpflanze, einen Stein am Wegesrand oder eine Wolke am Himmel. Versuchen Sie, dieses Objekt 10 bis 20 Sekunden lang anzuschauen, bevor das gedankliche Wort im Kopf auftaucht. Wie sieht die Form aus, wenn Sie so tun, als hätten Sie in Ihrem ganzen Leben noch nie ein Wort dafür gehört?
- Töne als reinen Klang lauschen: Setzen Sie sich für einen kurzen Moment ans offene Fenster oder auf eine Parkbank. Lauschen Sie dem Regengeprassel, dem Straßenlärm oder dem Vogelgezwitscher. Versuchen Sie, im Kopf nicht mitzusprechen („Das ist eine Amsel“, „Da fährt ein Lkw“). Nehmen Sie die Geräusche ausschließlich als Schwingung wahr, als pure Dynamik von Laut und Leise, Hoch und Tief, die an Ihr Ohr dringt.
- Empfindungen spüren vor der Geschichte: Wenn Sie merken, wie eine Unruhe oder eine körperliche Anspannung in Ihnen aufsteigt, halten Sie inne. Lassen Sie das sprachliche Schildchen („Ich habe Stress“, „Ich bin genervt“) für einen Augenblick beiseite. Wenden Sie sich der reinen Empfindung im Körper zu. Ist es warm oder kalt? Zieht es oder drückt es? Spüren Sie die reine Empfindung, ohne ihr einen Namen zu geben und ohne sie sofort verändern zu wollen.
Wenn es uns gelingt, diese sprachlichen Schilder ab und zu beiseitezuschieben, passiert etwas Erstaunliches: Eine tiefgreifende Erleichterung stellt sich ein. Wir müssen die Welt nicht erst in Begriffe zerlegen, um wirklich in ihr zu Hause zu sein.
Liebe Leserinnen und Leser,
wann haben Sie das letzte Mal ein Tier, einen Baum oder auch einen geliebten Menschen einfach nur betrachtet, ohne im selben Moment im Kopf ein Wort oder ein Urteil darüber zu fällen? Ich möchte Sie heute ganz herzlich dazu einladen, bei Ihrem nächsten Spaziergang oder in einer ruhigen Minute zu Hause genau dieses Experiment zu wagen: Legen Sie die inneren Etiketten für einen kleinen Augenblick ab und erlauben Sie Ihren Sinnen, die Welt wieder in ihrer unbenannten, unmittelbaren Schönheit zu berühren.
