Herr Schwenkkraus, ganz ehrlich: Ich glaube, wir kommen hier einfach nicht weiter. Es verändert sich gefühlt überhaupt nichts.“ Diese Worte meines Klienten – nennen wir ihn Jan – saßen erst einmal im Raum. Es war spürbar, wie frustriert er war. Er investierte Zeit, er öffnete sich in unseren Online-Sitzungen und trotzdem fühlte sich sein Alltag noch genauso schwer an wie zu Beginn.
Auf meine Frage, wie es ihm denn mit den konkreten Übungen ergangen sei, die wir für die Zeit zwischen den Terminen vereinbart hatten, folgte ein langes Schweigen. Dann die ehrliche Antwort: „Na ja, dazu bin ich ehrlich gesagt nicht wirklich gekommen. Mir war dann einfach anderes wichtiger und, wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich auch schlichtweg keine Lust dazu.“
Diese Situation erlebe ich in meinen Beratungen immer wieder. Es ist ein klassisches Missverständnis über den Beratungsprozess: Wir verwechseln oft das Verstehen eines Problems mit dessen Lösung. Eine Erkenntnis in der Beratungsstunde zu haben, fühlt sich gut an. Aber sie ist erst der Startschuss, nicht der Zieleinlauf.
Das Ziel vor Augen, das Training auf dem Platz
Wenn wir ein Ziel vor Augen haben – sei es im Leben oder ganz pragmatisch im Sport –, wissen wir intuitiv, dass wir dafür trainieren müssen. Niemand würde erwarten, die Fitness seines Lebens zu erreichen, nur weil er einmal pro Woche eine Stunde lang mit einem Personal Trainer über die Theorie des Muskelaufbaus spricht. Wir müssen die Laufschuhe schon selbst anziehen und auf den Platz gehen.
In der Psychologie verhält es sich exakt genauso. Die Onlineberatung bietet Ihnen den geschützten Raum, die Orientierung und die maßgeschneiderte „Trainingsanleitung“. Das eigentliche mentale Üben zwischen unseren Terminen liegt jedoch ganz in Ihrer Hand. Die wahre Veränderung passiert nicht in den 50 Minuten vor der Kamera, sondern in den Tagen dazwischen – in den Momenten, in denen Sie das Besprochene aktiv in Ihren Alltag übersetzen.
Mentales Üben: Wie wir den Schweinehund zähmen
Unser Gehirn liebt die Effizienz und damit die Komfortzone. Über Jahre hinweg hat es breite Autobahnen für alte, unliebsame Verhaltensmuster gebaut. Wenn wir nun beginnen, neue, gesündere Wege zu gehen, fühlt sich das anfangs an wie ein mühsamer Trampelpfad. Genau hier meldet er sich lautstark: der berühmte innere Schweinehund.
Er flüstert uns Ausreden ins Ohr, warum die Übung heute nicht passt, warum das Sofa gerade gemütlicher ist oder warum andere Dinge jetzt dringender sind. Mentales Training bedeutet, diesen Widerstand und die akute Unlust zu erwarten – und trotzdem dranzubleiben. Nur durch die ständige, aktive Wiederholung im Alltag wird aus dem schmalen Trampelpfad im Gehirn irgendwann eine neue, leicht befahrbare Straße. Ohne dieses Training bleibt der Stillstand, über den wir uns dann verständlicherweise ärgern.
Der Weg zu einer neuen, mentalen Leichtigkeit
Warum lohnt sich diese Anstrengung überhaupt? Das große Ziel, das über all den kleinen, manchmal nervigen Alltagsübungen steht, ist das Erreichen einer mentalen Leichtigkeit.
Diese Leichtigkeit bedeutet nicht, dass Ihr Leben plötzlich perfekt oder frei von Herausforderungen ist. Sie bedeutet vielmehr, dass Sie eine innere Flexibilität entwickeln. Sie lernen, nicht mehr starr an alten Mustern festzuhalten oder sich von jedem emotionalen Sturm sofort umwerfen zu lassen. Mentale Leichtigkeit ist das wunderbare Gefühl, im Moment der Herausforderung die Wahl zu haben. Zu wissen: Ich muss heute nicht mehr so reagieren wie früher. Doch genau wie die spielerische Leichtigkeit eines Turners das Resultat von unzähligen Stunden harten Trainings ist, so ist auch die innere Leichtigkeit das Ergebnis von kontinuierlicher innerer Arbeit. Als Ihr Berater kann ich Ihnen die Landkarte zeigen und die Werkzeuge reichen. Gehen und anwenden müssen Sie sie selbst.
Liebe Leserinnen und Leser,
Hand aufs Herz: Wo ertappen Sie sich selbst dabei, dass Sie auf ein Wunder warten, statt die Laufschuhe für Ihre mentale Fitness anzuziehen? Wo hat der innere Schweinehund bei Ihnen gerade das Steuer übernommen und Ihnen eingeredet, dass anderes wichtiger ist? Ich möchte Sie heute ermutigen, den Frust über den vermeintlichen Stillstand als Weckruf zu nutzen. Suchen Sie sich für den heutigen Tag eine einzige kleine Übung aus – einen Gedankenstopp, ein bewusstes Atmen, ein Nein-Sagen – und setzen Sie es um, völlig egal, ob die Lust dazu da ist oder nicht. Das ist Ihr Training für heute.
