Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum ein einziges kritisches Wort Ihres Partners oder Chefs tagelang an Ihnen nagt, während drei wunderbare Komplimente noch am selben Abend wie an einer Teflonpfanne an Ihnen abperlen?

Unser Gehirn hat von Natur aus einen Konstruktionsfehler. Als Neuropsychologe beschreibt Rick Hanson in seinem Buch „Denken wie ein Buddha“ sehr eindringlich, dass unser Denkorgan eine eingebaute Negativitätsverzerrung besitzt. Für unsere Vorfahren in der Savanne war es überlebenswichtig, den Busch, in dem sich ein Säbelzahntiger verstecken könnte, wichtiger zu nehmen als den schönen Sonnenuntergang. Angst, Sorgen und Bedrohungen werden sofort und tief im Gedächtnis verankert – sie wirken wie Klettverschluss. Positive Erlebnisse hingegen gleiten meist unbemerkt an uns vorbei.

In meiner Online-Praxis beobachte ich das häufig: Klient*innen meistern ihren Alltag trotz enormer Belastungen oft bewundernswert, doch ihr Fokus liegt fast ausschließlich auf dem, was nicht funktioniert hat. Die gute Nachricht aus der modernen Hirnforschung lautet jedoch: Wir sind dieser biologischen Voreinstellung nicht hilflos ausgeliefert. Wir können lernen, das Gute aktiv aufzunehmen und unser Gehirn strukturell zu verändern.

Die HEAL-Methode: Positives nicht nur erleben, sondern verinnerlichen

Rick Hanson zeigt, dass es nicht reicht, einfach nur „positiv zu denken“. Ein flüchtiger schöner Moment verändert im Gehirn noch rein gar nichts. Neuronen, die gemeinsam feuern, verdrahten sich auch miteinander („Neurons that fire together, wire together“). Um neue, glücklichere neuronale Bahnen zu legen, müssen wir gute Erfahrungen aktiv verankern. Hanson hat dafür das vierschrittige HEAL-Modell entwickelt, das sich wunderbar in den Alltag integrieren lässt:

  • H – Have a positive experience (Eine positive Erfahrung haben): Es geht nicht um die großen Meilensteine, sondern um die kleinen Dinge. Der erste Schluck Kaffee am Morgen, das warme Gefühl, wenn der Hund den Kopf auf Ihr Knie legt, oder das leise Aufatmen nach getaner Arbeit. Oft sind diese Momente schon da – wir müssen sie nur bemerken. Oder wir rufen uns bewusst eine schöne Erinnerung wach.
  • E – Enrich it (Sie anreichern): Hier machen die meisten Menschen den Fehler: Sie haken das gute Gefühl nach einer Sekunde ab. Hanson rät: Bleiben Sie für mindestens 10 bis 20 Sekunden ganz bewusst bei dieser Erfahrung. Lassen Sie das Gefühl wachsen. Wie fühlt es sich im Körper an? Wird es warm in der Brust? Atmen Sie tief ein und intensivieren Sie das Erlebte. Je länger und intensiver die Neuronen feuern, desto tiefer graben sie den neuen Pfad.
  • A – Absorb it (Sie absorbieren): Stellen Sie sich visuell vor, wie diese Erfahrung tief in Sie einsinkt. Wie ein warmer Regen, der in trockenen Boden sickert, oder wie ein kostbares Juwel, das Sie in Ihre innere Schatztruhe legen. Setzen Sie die Absicht, dass dieses Gefühl jetzt ein Teil von Ihnen wird – ein innerer Schutzraum, auf den Sie später zurückgreifen können.
  • L – Link positive and negative material (Positives mit Negativem verknüpfen – optional): Wenn Sie fest im positiven Zustand verankert sind, können Sie im Hintergrund ein leichtes negatives Gefühl (wie eine aktuelle Sorge oder ein Gefühl von Einsamkeit) auftauchen lassen. Das Gehirn beginnt nun, das alte, schmerzhafte Muster mit der neuen, heilenden Ressource zu verknüpfen. Das Positive „lindert“ und überschreibt schrittweise das Negative.

Das Gehirn umtrainieren: Vom Zustand zur Eigenschaft

Das Faszinierende an diesem Ansatz ist die Nachhaltigkeit. Wenn wir die HEAL-Schritte regelmäßig anwenden – und sei es nur ein- oder zweimal am Tag für wenige Sekunden –, verwandeln wir flüchtige mentale Zustände in dauerhafte neuronale Eigenschaften. Wir bauen uns eine innere psychologische Reserve auf, die uns widerstandsfähiger gegen Stress, Ängste und Selbstzweifel macht.

Wir können die Vergangenheit nicht ändern, und wir können die Negativitätsverzerrung unseres Gehirns nicht wegzaubern. Aber wir können uns jeden Tag aufs Neue entscheiden, worauf wir unser Scheinwerferlicht richten und was wir tief in uns einsinken lassen.

Liebe Leserinnen und Leser,

wie oft ertappen Sie sich dabei, dass Sorgen wie ein Klettverschluss an Ihnen haften bleiben, während das Schöne einfach abperlt? Vielleicht haben Sie Lust, die HEAL-Methode direkt heute auszuprobieren und einem kleinen, feinen Moment des Tages 20 Sekunden volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor