Neulich stand ich bei einer ausgiebigen Radtour am Rande eines kleinen Waldstücks und beobachtete den Wind, der durch die Wipfel alter Buchen strich. Ein mächtiger Ast, voll belaubt und starr, bäumte sich gegen eine Windböe auf – knarrte lautstark, geriet ins Wanken und drohte fast zu brechen. Direkt daneben bog sich eine junge, biegsame Weide mühelos im Windstoß, nachgiebig und weich. Kaum war die Böe vorüber, richtete sie sich sanft wieder auf, als wäre nichts gewesen.
In solchen ganz alltäglichen Alltagsmomenten wird mir oft klar, wie viel Weisheit in den einfachen Abläufen der Natur steckt. Wir Menschen neigen heutzutage dazu, für jedes Problem eine ausgeklügelte Strategie zu entwerfen, Pläne zu schmieden und mit gedanklicher Muskelkraft durchs Leben zu gehen. Doch die wertvollsten Impulse, die wir für unser seelisches Wohlbefinden brauchen, finden wir selten in dicken Fachbüchern oder im nächsten psychologischen Ratgeber. Sie liegen längst vor unserer Haustür.
Gesetzmäßigkeiten, die wirken – ganz ohne Esoterik
Wenn ich in meinen Texten oder in der Arbeit mit Klientinnen und Klienten von den grundlegenden Prinzipien der Natur spreche, geht es mir keineswegs um Esoterik oder abgehobene Mythen. Es handelt sich nicht um geheimnisvolle Magie, sondern um die schlichte, beobachtbare Logik des Lebens, die seit Jahrmillionen verlässlich funktioniert.
Ich sitze im Beratungskontext nicht da und halte Vorträge über „Naturgesetze“ – ich benutze dieses Wort in den Sitzungen meist gar nicht. Und doch bilden genau diese Grundprinzipien das Fundament, auf dem vieles in meiner Beratung aufbaut. Wir schauen gemeinsam darauf, wo jemand womöglich unbewusst gegen den natürlichen Lauf der Dinge ankämpft.
Wenn es um die wirklich wesentlichen Fragen der Lebensführung geht – um Gelassenheit und emotionale Heilung und Reifung –, ist die Natur schlichtweg um ein Vielfaches klüger als unser analytischer Verstand. Unser Kopf ist ein wunderbares Werkzeug für die Logik des Alltags, für Steuererklärungen, Projektplanungen oder logistische Aufgaben. Sobald es aber um unser seelisches Gleichgewicht geht, versucht der Verstand oft, Probleme mit genau den Mitteln zu lösen, die das Problem erst erschaffen haben.
Widerstand erzeugt Widerstand: Ein Prinzip, das unser Erleben steuert
Eines dieser Prinzipien, die im Hintergrund all unserer emotionalen Prozesse wirken, ist die Dynamik von Druck und Gegendruck: Widerstand erzeugt Widerstand.
In der physikalischen Welt leuchtet uns das sofort ein: Je stärker Sie versuchen, eine gespannte Stahlfeder mit aller Macht hinunterzudrücken, desto mehr Gegenkraft baut sich auf. Je härter Sie gegen eine starre Wand schlagen, desto deutlicher spüren Sie die Rückwirkung an Ihrer eigenen Hand.
In unserer Psyche verhält es sich keineswegs anders, auch wenn wir es im Alltag oft übersehen:
1. Der innere Kampf gegen belastende Gefühle
Immer wieder begegnen mir in meiner Praxis Menschen, die sich mit aller Kraft gegen ihre eigenen Emotionen stemmen. Sie spüren Trauer, Unruhe oder Scham und reagieren darauf mit innerer Härte: „Das darf jetzt nicht sein! Ich muss mich zusammenreißen und endlich wieder funktionieren!“
Das Erstaunliche – und zugleich Tragische – ist: Durch diesen inneren Widerstand signalisieren wir unserem Nervensystem erst recht eine akute Gefahr. Die Unruhe verstärkt sich, die Muskeln verkrampfen, die Gedankenspirale dreht sich schneller. Erst in dem Moment, in dem der Widerstand aufhört und die Welle des Gefühls einfach durch uns hindurchziehen darf, verliert das Gefühl seine bedrohliche Schärfe.
2. Der Druck in unseren Beziehungen
Auch im Miteinander lässt sich dieses Prinzip beobachten. Wenn wir versuchen, einen anderen Menschen mit Druck, Vorwürfen oder krampfhafter Überzeugungsarbeit zu verändern, geht die Gegenseite fast reflexartig in die Verteidigung oder in den Rückzug. Erst wenn wir den Druck herausnehmen und den Raum wieder öffnen, entsteht wieder die Möglichkeit für echte Verbundenheit und Wahrhaftigkeit.
Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht
Schauen wir unvoreingenommen auf die Natur, fällt auf, wie mühelos Entfaltung dort geschieht.
Das Gras auf einer Wiese wächst keinen einzigen Millimeter schneller, wenn Sie daran ziehen. Es wächst ganz von alleine – zur rechten Zeit und in seinem eigenen Tempo –, sofern die Grundlagen wie Erde, Wasser und Licht vorhanden sind. Wer am Gras zieht, reißt höchstens die Wurzeln aus.
Oder denken Sie an Zugvögel: Ein kleiner Vogel macht sich im Herbst auf den Weg und fliegt Tausende von Kilometern in ein Zielgebiet, das er oft noch nie gesehen hat. Er besitzt keinen Kompass im menschlichen Sinne, er liest keine Wetterkarten und führt keine stundenlangen Pro-und-Kontra-Analysen durch. Er grübelt nicht darüber nach, ob der Flug anstrengend werden könnte oder ob das Wetter in zwei Wochen noch hält. Er folgt einer tief eingebetteten, inneren Intelligenz, die ihn sicher leitet.
Wir Menschen tragen genau eine solche Orientierungskraft in uns. Unser Körper heilt eine kleine Schnittwunde an der Hand von ganz alleine, ohne dass der Verstand den Hautzellen Befehle erteilen müsste. Und genauso besitzen unsere Psyche und unser Herz eine ganz natürliche Regenerationskraft – vorausgesetzt, wir lassen ihnen die nötige Ruhe und den Raum zum Reifen.
Wie wir mit dem Dauerdenken dem Leben hineinpfuschen
Das größte Hindernis auf dem Weg zu mehr Gelassenheit ist meist nicht, dass wir zu wenig nachdenken. Die eigentliche Ursache liegt meist darin, dass wir mit unserem permanenten Analysieren dem natürlichen Fluss der Dinge unentwegt hineinpfuschen.
Wir überanalysieren einfache Gefühle, statt sie wahrzunehmen und weiterziehen zu lassen. Wir wollen Ergebnisse erzwingen, wo das Leben schlicht Geduld verlangt. Wir wollen Lebensentscheidungen rein logisch errechnen und wundern uns anschließend, warum sich das Ergebnis im Herzen eng und unstimmig anfühlt.
Wenn wir lernen, dieses ständige Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Wollen zu unterbrechen, verändert sich der Blickwinkel. Es geht nicht darum, träge oder passiv zu werden. Es geht um eine Form von Vertrauen:
- Anerkennen, was ist: Erst wenn ich akzeptiere, wo ich im Moment stehe, gewinne ich den festen Boden unter den Füßen zurück.
- Prozessen Zeit geben: Echte innere Veränderung lässt sich nicht im Eiltempo abwickeln. Sie braucht Reifezeit.
- Der eigenen Intuition Raum geben: Das Bauchgefühl weiß oft schon sehr genau, welcher Schritt der richtige ist, lange bevor der Kopf alle Argumente sortiert hat.
Zurück zur eigenen Natur finden
In meiner Arbeit geht es mir nicht darum, starre Rezepte oder vorgefertigte Schemata zu verteilen. Vielmehr verstehe ich meine Begleitung als Einladung, gemeinsam hinzuschauen: Wo versuchen Sie vielleicht gerade, an den Halmen zu ziehen? Wo erzeugt der eigene Druck nur noch mehr Gegendruck?
Wenn wir aufhören, das Leben und unsere Gefühle ständig kontrollieren zu wollen, stellt sich das innere Gleichgewicht oft überraschend von ganz allein wieder ein.
Liebe Leserinnen und Leser,
manchmal ist es gar nicht so leicht, festgefahrene Gedankenschleifen oder den eigenen inneren Druck ganz alleine zu durchbrechen. Wenn Sie merken, dass Sie an einem Punkt feststecken, sich im Kreis drehen oder sich Unterstützung dabei wünschen, wieder mehr Gelassenheit und Vertrauen in Ihren Alltag einzuladen, bin ich gerne für Sie da.
