Es passiert meist ganz unvermittelt. Wir sitzen auf der vertrauten Couch im Wohnzimmer, trinken abends nach einem langen Arbeitstag unseren Kaffee oder schauen gedankenversunken aus dem Fenster – und plötzlich legt sich eine seltsame Stille über den Moment. Eine Stille, die nicht einfach friedlich und entspannend ist, sondern eine fast greifbare Ratlosigkeit in sich trägt. Die vertraute Umgebung wirkt auf einmal seltsam fremd und weit weg. Und eine Frage schiebt sich leise, aber unüberhörbar tief aus unserem Inneren nach vorne: „Wofür das alles?“
In meiner Arbeit als Onlineberater begegne ich dieser Szenerie immer wieder. Obwohl meine Klientinnen und Klienten in ihren eigenen vier Wänden sitzen – am Küchentisch, im heimischen Arbeitszimmer oder im vertrauten Sessel –, wird mir über den Bildschirm spürbar, wie sehr die äußere Fassade des Alltagstrotts ins Wackeln geraten ist. In solchen Augenblicken wird das Videobild zur Brücke für eine tiefgreifende Begegnung. Wir spüren: Es geht hier nicht um eine flüchtige Verstimmung oder eine bloße Erschöpfung, sondern um etwas viel Ursprünglicheres – um die existentielle Frage nach dem Sinn unseres Tuns.
In Phasen wie diesen greife ich in meinen Beratungen besonders gerne auf die Logotherapie von Viktor Frankl zurück. Ein zentraler Gedanke von ihm fasziniert mich dabei immer wieder aufs Neue: Wir Menschen sollten nicht dauernd Ansprüche und Forderungen an das Leben stellen. Vielmehr ist es das Leben selbst, das unaufhörlich Anfragen an uns richtet. Unsere eigentliche Lebensaufgabe besteht darin, dem Leben eine ehrliche Antwort zu geben.
Die Trotzmacht des Geistes: Das Fundament unserer Freiheit
Die Logotherapie geht von einer zutiefst ermutigenden Grundannahme aus: Wir Menschen sind keineswegs bloß das passive Produkt unserer Gene, unserer frühkindlichen Prägungen oder unserer aktuellen Umweltbedingungen. Viktor Frankl hat dafür einen prägnanten und kraftvollen Begriff geprägt: die „Trotzmacht des Geistes“.
Dieses Prinzip besagt, dass wir als geistige Wesen über die einzigartige Fähigkeit verfügen, uns zu unseren biologischen, psychischen und sozialen Bedingungen in Beziehung zu setzen. Das bedeutet im Klartext: Wir mögen die äußeren Umstände unseres Lebens oft nicht frei wählen können – das Schicksal, plötzliche Krisen oder berufliche Umbrüche treffen uns meist unvorbereitet –, wohl aber besitzen wir die innere Freiheit zu entscheiden, wie wir zu diesen Gegebenheiten Einstellung beziehen. Wir haben stets die Wahl zu bestimmen, wie wir auf das antworten, was das Leben uns vor die Füße wirft.
In der Onlineberatung erleben wir diesen Prozess oft sehr unmittelbar und intensiv. Dadurch, dass Klientinnen und Klienten sich in ihrer vertrauten häuslichen Umgebung befinden, fällt das aufwendige Aufrechterhalten von Rollenmasken und Schutzmauern erstaunlich schnell weg. Es entsteht rasch ein geschützter Raum für radikale Ehrlichkeit. Wir verharren dann nicht bei einer oberflächlichen Reparatur von störenden Symptomen, sondern stoßen direkt zum eigentlichen Kern vor: zu dem, was Frankl den „Willen zum Sinn“ nannte – das tiefste Grundbedürfnis eines jeden Menschen.
Sinnsuche statt reiner Fehleranalyse
Viele Klientinnen und Klienten treten mit dem verständlichen und drängenden Wunsch an mich heran, im Alltag endlich wieder reibungslos „funktionieren“ zu können. Sie wollen störende Gefühle, innere Unruhe oder eine lähmende Leere am liebsten so schnell wie möglich ausradieren. In der logotherapeutischen Haltung drehen wir diesen gewohnten Spieß jedoch bewusst um.
Wir verharren nicht bei der rein rückwärtsgewandten Frage „Warum habe ich nur dieses Problem?“ oder „Wer ist schuld an meiner Situation?“. Stattdessen richten wir den Blick zukunftsorientiert nach vorne und fragen: „Wozu fordert dich diese schwierige Situation gerade heraus?“
Der Sokratische Dialog als Brücke zur Selbsterkenntnis
Um diesen individuellen Antworten Schritt für Schritt näherzukommen, nutze ich in der Beratung häufig die Methode des Sokratischen Dialogs. Dabei handelt es sich keineswegs um ein trockenes Verhör oder eine theoretische Belehrung, sondern um ein gemeinsames, behutsames Freilegen von Erkenntnissen, Werten und Weisheiten, die Sie eigentlich längst in Ihrem Inneren tragen.
Durch gezielte, wohlüberlegte Fragen navigieren wir gemeinsam durch das Dickicht unruhiger Gedanken und emotionaler Verstrickungen, bis der entscheidende Punkt erreicht ist: ein Augenblick, in dem ein tiefes Verständnis für Ihre ganz persönlichen Werte aufblitzt.
Sinn ist dabei keineswegs etwas Abstraktes, Hochtrabendes oder Unerreichbares. Er verbirgt sich meist direkt in den ganz konkreten Möglichkeiten des jeweiligen Augenblicks. Viktor Frankl unterscheidet hierbei drei klassische Wege zur Sinnfindung:
- Schöpferische Werte (In der Tat): Sinn entsteht durch das, was wir in die Welt hineingeben – in einer Aufgabe, einem handwerklichen oder geistigen Werk, einer Entscheidung oder einem Projekt, das darauf wartet, von uns aktiv und verantwortungsvoll gestaltet zu werden.
- Erlebniswerte (Im Erleben): Sinn offenbart sich durch das, was wir von der Welt empfangen – in der tiefen Hingabe an einen anderen Menschen, im bewussten Erleben von Natur, Kunst, Musik oder der Verwirklichung einer echten Herzensangelegenheit.
- Einstellungswerte (In der Haltung): Dies ist der höchste und tiefste Weg zur Sinnfindung. Er zeigt sich in der Würde, der Aufrichtigkeit und dem Mut, mit denen wir einem unausweichlichen, unveränderbaren Schicksal, Leiden oder Verlust begegnen.
Vom existenziellen Vakuum zur neuen Weite
In einem meiner früheren Beiträge habe ich mich eingehender mit dem Phänomen des existenziellen Vakuums beschäftigt – jenem nebligen, bleiernen Zustand, in dem sich der gesamte Alltag hohl, mechanisch und bedeutungslos anfühlt. In meiner Beratungspraxis begegnet mir dieses Vakuum heutzutage besonders häufig als eine schleichende Form von innerer Erschöpfung. Wir sind in unserer modernen Welt zwar rund um die Uhr aktiv, vernetzt und erreichbar, aber die tiefere Anbindung an das, was uns im Innersten wirklich bewegt und trägt, ist uns im Trubel der To-do-Listen abhandengekommen.
Das existenzielle Vakuum ist jedoch kein unausweichlicher Endzustand und erst recht kein individueller Defekt. In der Logotherapie betrachtet man diese Leere nicht als Makel, sondern als einen „Sograum“. Überall dort, wo ein Vakuum entsteht, wird gleichzeitig Raum frei für etwas Neues. In unseren virtuellen Beratungsgesprächen nutzen wir genau diesen freigewordenen Raum, um Schicht für Schicht die Werte freizulegen, die unter dem Schutt täglicher Verpflichtungen und fremder Erwartungen begraben lagen.
Antworten finden in der Stille
Gerade wenn das existenzielle Vakuum mit voller Wucht zuschlägt, fühlen wir uns oft gelähmt. Wir neigen dazu, die Leere mit Hektik, Hyperaktivismus, Konsum oder endlosem Medienkonsum zu übertönen. Doch wenn der äußere Lärm des Alltags verstummt, entsteht die Chance, sich ehrlich zu fragen: Was bleibt, wenn das Bunte abfällt? Was hält mich wirklich?
In der Beratung schaffen wir gemeinsam den nötigen Halt und die Sicherheit, um genau diese Fragen zuzulassen – ohne sofort eine fertige, perfekt durchgestylte Antwort parat haben zu müssen.
Wofür es sich zu entscheiden lohnt: Eine Haltung zum Leben
Die Logotherapie ist keine sterile psychoanalytische Technik, die man schematisch „anwendet“, sondern eine lebendige Haltung zum Dasein. Es geht im Kern um die echte, unvoreingenommene Begegnung von Mensch zu Mensch. Wenn wir gemeinsam Schritt für Schritt herausarbeiten, wofür es sich für Sie ganz individuell zu leben lohnt, wird das Medium, über das wir miteinander sprechen, nebensächlich. Ob im Beratungsraum vor Ort oder über die Distanz per Bildschirm – was wirklich zählt, ist die Entdeckung Ihrer ganz persönlichen Kompassnadel.
Wir verwandeln dabei die passive, oft verzweifelte Haltung „Was habe ich vom Leben eigentlich noch zu erwarten?“ in den aktiven, kraftvollen Blickwinkel: „Was erwartet das Leben genau jetzt von mir?“
Liebe Leserinnen und Leser,
das Leben stellt uns keine Fragen, die wir rein theoretisch, gedanklich oder in Philosophiebüchern beantworten können. Es stellt uns Fragen, die wir durch unser konkretes Handeln, unsere Haltung und unser tagtägliches Sein beantworten müssen. Wenn Sie spüren, dass die Frage nach dem „Wofür“ in Ihrem Leben gerade lauter wird, lade ich Sie herzlich ein, diesen Weg der Sinnsuche gemeinsam zu gehen – ganz unkompliziert von dort aus, wo Sie gerade stehen.
