Ich sitze gerade hier in Südtirol und schaue auf eine Weide. Vor mir steht eine Kuh im saftigen Gras. Wenn die Sonne scheint, steht sie einfach da, kaut gemütlich und genießt die Wärme auf ihrem Fell. Zieht ein heftiges Gewitter auf, sucht sie sich einen geschützten Platz unter den Bäumen, erträgt den Regen stoisch, schüttelt sich danach das Wasser aus dem Fell und kaut einfach weiter. Sie regt sich nicht auf. Sie hadert nicht mit dem Wetter. Sie flucht nicht über den Donner. Sie ist einfach vollkommen im reinen Jetzt.
Wir Menschen halten uns ja gerne für die Krone der Schöpfung. Mit unserem hochentwickelten Gehirn bauen wir Städte, fliegen zum Mond und erdenken komplexe Philosophien. Doch wenn ich diese Kuh beobachte, wird mir klar: Wir zahlen für dieses gigantische Denkorgan einen astronomisch hohen Preis: unseren inneren Frieden.
Warum regen wir Menschen uns ständig auf, während Tiere diese tiefe Ruhe ausstrahlen? Der Philosoph Arthur Schopenhauer brachte es auf den Punkt: Wir leiden oft nicht an der Realität, sondern an unseren Vorstellungen über die Realität.
Aber hat der Mensch dem Tier nicht einiges voraus?
An dieser Stelle kommt oft ein berechtigter Einwand: „Moment mal, Herr Schwenkkraus! Wollen wir wirklich mit den Tieren tauschen? Wir Menschen haben doch die Fähigkeit zur tiefen, bewussten Freude. Wir können die Schönheit dieser Südtiroler Berge bewundern, Musik erschaffen, philosophieren und unserem Leben einen tiefen Sinn geben. Das kann ein Tier doch alles nicht!“
Das stimmt auf den ersten Blick. Rein theoretisch hat die Schöpfung uns mit dem Verstand ein Werkzeug geschenkt, um die Welt bewusster zu erleben. Doch wenn ich ganz ehrlich Bilanz ziehe, frage ich mich: Sind diese vermeintlichen Vorteile unterm Strich den riesigen Berg an Nachteilen wert?
Was nützt uns die theoretische Fähigkeit, die Poesie des Lebens zu verstehen, wenn wir im Gegenzug an Depressionen, chronischen Existenzängsten, Burnout und selbstgemachten Krisen leiden? Das Tier vermisst die Oper, das Statussymbol oder die philosophische Erkenntnis nicht, weil es sie nicht braucht. Es hat keinen Mangel. Wenn Sie die Wahl hätten, die Last dieses ständig ratternden Gehirns gegen das reine, sorgenfreie Dasein eines Tieres einzutauschen – würden viele von uns nicht sofort den „Trank des Vergessens“ wählen, um endlich einfach nur in Frieden zu sein? Es ist eine radikale Vorstellung, aber sie zeigt, wie schwer die Last unseres Verstandes wiegen kann.
Das menschliche Dilemma: Der Verstand als Leiden-Verstärker
Schopenhauer war überzeugt: Je höher der Intellekt, desto größer das Leiden. Ein Tier lebt im ewigen Jetzt. Droht Gefahr, schaltet sein Nervensystem auf Kampf oder Flucht. Ist die Gefahr vorbei, schüttelt sich das Tier und kehrt sofort in den Zustand der absoluten Ruhe zurück. Es leidet nur, wenn der Schmerz jetzt gerade real ist.
Der Mensch hingegen besitzt eine Zeitmaschine im Kopf. Wir nutzen unseren Verstand als eine Art „Leidens-Verstärker“:
- Wir grübeln über die Vergangenheit: Wir kauen alte Gespräche und Fehler wieder, die längst vorbei sind.
- Wir haben Angst vor der Zukunft: Wir malen uns Katastrophen aus, die zu 95 % niemals eintreffen werden, und durchleben den Schmerz im Voraus.
- Das Ego funkt dazwischen: Wir regen uns über verletzten Stolz, vermeintlichen Respektlosigkeiten, verlorene Kontrolle oder die bloße Meinung anderer auf.
Das Tier besitzt eine fundamentale, beneidenswerte Heiterkeit, weil ihm das bloße Dasein reicht. Der Mensch hingegen verlernt das reine Sein und wird stattdessen von einer chronischen Unruhe geprägt, die ihn permanent antreibt.
Drei Wege zurück zur natürlichen Gelassenheit
Da wir unser Gehirn im Alltag nun mal nicht einfach abschalten können, müssen wir vom Tier lernen, wie man den Verstand zähmt. Ein gesundes, friedvolles Leben gelingt, wenn wir die Kluft zu unserer biologischen Natur im Alltag wieder ein Stück verringern:
1. Ernährung: Essen wie ein natürliches Wesen
Die Kuh auf der Weide liest keine Zutatenlisten und isst nicht aus emotionalem Frust. Sie isst, was die Natur frisch und unverarbeitet anbietet. Wenn wir den ganzen künstlichen Fabrikzucker, die chemischen Zusätze und die hochverarbeiteten Lebensmittel weglassen und zu echten, lebendigen Nahrungsmitteln greifen, beruhigt sich unser Nervensystem auf biologischer Ebene. Der chemische Stress im Körper lässt nach, und mit ihm die geistige Nervosität.
2. Bewegung: Raus aus dem Kopf, rein in den Körper
Wenn wir uns aufregen, fluten Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin unseren Körper. Da wir aber meistens am Schreibtisch oder im Auto sitzen bleiben, statt uns (wie das Tier) physisch zu entladen, frisst sich der Ärger in uns hinein. Kraftvolle Bewegung, ein intensiver Spaziergang im Wald oder das direkte Spüren des Bodens beim Barfußlaufen holen uns augenblicklich aus der Gedankenschleife zurück. Der Körper kennt keine Vergangenheit – er lebt immer im Jetzt.
3. Gedanken: Die Kunst des „Nicht-Denkens“
Wir müssen aufhören, jeden Gedanken zu glauben, den unser Gehirn unaufgefordert produziert. Ein Hund oder eine Kuh hört ein Geräusch, prüft es kurz auf Gefahr und wendet sich wieder ab. Sie bewerten es nicht tagelang. Wir können lernen, unsere Gedanken wie Wolken am Himmel zu betrachten: Sie ziehen vorbei, aber sie sind nicht wir. In der unberührten Natur schweigt der Verstand – das ist der Moment, in dem wir dem tierischen Frieden am nächsten sind.
Fazit: Das Ego mal gegen das Jetzt eintauschen
Das meiste, worüber wir uns im Alltag aufregen, ist – global, evolutionär und universell betrachtet – völlig unbedeutender, künstlicher Ballast. Wenn Sie das nächste Mal die menschliche Aufregungsfalle packt und der Puls nach oben schnellt, halten Sie für einen kurzen Moment inne.
Erinnern Sie sich daran, dass unser Verstand oft mehr Fluch als Segen ist, solange wir uns von ihm beherrschen lassen. Wir müssen nicht zurück in die Höhle oder auf die Bäume, aber wir dürfen uns erlauben, die Arroganz unserer vermeintlichen geistigen Überlegenheit abzulegen. Atmen Sie tief ein, lassen Sie das künstliche Drama los und schauen Sie sich das simple, friedliche Leben der Tiere an. Manchmal liegt die größte menschliche Weisheit schlicht darin, für eine Weile genau so stoisch, zufrieden und unerschütterlich zu sein wie die Kuh auf der Südtiroler Weide.
Liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht ist das die eigentliche Lebensaufgabe für uns Kopfmenschen: das große Geschenk unseres Bewusstseins nicht mehr für Sorgen zu missbrauchen, sondern es dafür zu nutzen, die tiefe, stille Schönheit des gegenwärtigen Augenblicks vollkommen bewusst zu genießen. Ich wünsche Ihnen auf diesem Weg hin zu mehr natürlicher Gelassenheit viele friedvolle Momente im Hier und Jetzt.
Berater und Autor
