Ich habe nach langem mal wieder das Buch von Eckhart Tolle in die Hand genommen und ein wenig darin gelesen. Es ist faszinierend: Obwohl ich mich täglich professionell mit der menschlichen Psyche befasse, entfalten diese Zeilen immer wieder eine ganz eigene Kraft. Manchmal braucht es nur ein paar Sätze, um zu merken, wie sehr man sich im Alltag doch wieder im Dickicht der eigenen Gedanken verfangen hat.

In meiner Onlineberatung erlebe ich das oft bei meinen Klient*innen – nehmen wir ein Beispiel: Herr Müller. Er wirkt erschöpft. „Herr Schwenkkraus“, sagte er neulich, „ich weiß theoretisch alles über die Achtsamkeit. Ich habe die Klassiker gelesen. Aber warum fühlt sich mein Alltag trotzdem noch an wie ein ständiger Kampf?“

Diese Frage begegnet mir immer wieder. Wir leben in einer Zeit, in der Achtsamkeit oft wie ein Hobby behandelt wird – so wie Fußballspielen oder Wandern. Man geht ‚mal kurz raus in die Natur‘, um den Kopf frei zu bekommen, vergisst dabei aber das Wesentliche: Wir sind keine Besucher in der Welt da draußen. Wir sind ein Teil davon, ja wir sind Natur.

Die Gegenwärtigkeit ist kein technisches Werkzeug, das wir uns mühsam von außen aneignen müssen, sondern unser natürlicher Urzustand. Oft ist es unser Verstand, der uns – fast wie ein verselbstständigter Automatismus – von dieser inneren Natur trennt. Er tut dies nicht aus Bosheit, sondern aus einem evolutionären Überlebensdrang heraus. Doch solange wir uns unbewusst mit jedem Gedanken identifizieren, lassen wir diese Trennung geschehen. Die gute Nachricht ist: Wir können uns entscheiden, die Verbindung wieder zuzulassen.

Die Tyrannei der Zeit und das Erbe des Ostens

Leiden, so lehren es uns seit Jahrtausenden die großen Weisheitstraditionen des Ostens, entsteht nicht durch das Leben selbst. Im Buddhismus spricht man von Dukkha – einer Art Unstimmigkeit, die dadurch entsteht, dass wir die Dinge anders haben wollen, als sie in diesem Moment sind. Wir sind oft darauf programmiert, in einer mentalen Simulation aus Vergangenheit und Zukunft (Sorge) zu leben.

Dabei hängen wir oft an der Nadel der Zerstreuung. Jedes Aufleuchten des Handys, jeder stressige Impuls füttert unsere Gewohnheit, uns im Außen zu verlieren. Wir glauben dann, wir seien unsere Geschichte oder unsere Sorgen, während wir in Wahrheit der ruhige Raum sind, in dem diese Gedanken überhaupt erst auftauchen können.

Der Marathon der Präsenz

Oft höre ich: „Ich habe es versucht, aber es bringt nichts.“ Hier liegt ein Missverständnis, das ich gerne mit einem Bild aus dem Sport erkläre: Gegenwärtigkeit ist kein Knopfdruck, sondern ein Training. Wenn ich einen völlig untrainierten Menschen morgen zu einem Marathon schicke, wird er scheitern. Genau so ist es mit unserer inneren Haltung. Wenn wir jahrelang gelernt haben, uns über unsere Sorgen zu definieren, braucht es Übung und Geduld, um den „Muskel der Gegenwart“ zu stärken.

Der Verstand ist dabei ein nützliches Werkzeug, aber wir dürfen kritisch bleiben: Er sagt uns nämlich nicht immer die Wahrheit. Oft malt er Szenarien, die gar nicht eintreten, oder hält uns in alten Mustern fest. Östliche Philosophien lehren uns stattdessen den Weg über die Sinne:

1. Das Zeugenbewusstsein (Sakshi)

In der indischen Philosophie spricht man von Sakshi. Es bedeutet, einfach wahrzunehmen, dass da eine Stimme im Kopf ist – ohne sie sofort zu bewerten oder ihr alles zu glauben. Man tritt einen Schritt zurück und beobachtet das Geschehen, anstatt sich darin zu verlieren.

2. Den Körper als Anker nutzen

Die Aufmerksamkeit wird bewusst in die Hände oder Füße gelenkt. In dem Moment, in dem wir das Pulsieren unseres Lebens spüren, entziehen wir dem abstrakten Gedankenkarussell die Energie. Der Körper ist immer im „Jetzt“ – der Verstand fast nie.

3. Das Prinzip des Wu Wei (Geschehenlassen)

Im Taoismus bedeutet das ein Handeln im Einklang mit dem Augenblick. Es ist die Akzeptanz dessen, was ist. Ein Baum kämpft nicht gegen den Sturm; er biegt sich. Er leistet keinen inneren Widerstand gegen die Realität.

Warum wir den Mut zum Loslassen brauchen

Warum legen manche Menschen solche Bücher nach drei Seiten weg, während sie für andere zum echten Wegweiser werden? Meiner Erfahrung nach braucht es oft eine gewisse „Reife“ im Umgang mit dem eigenen Leidensdruck. Erst wenn wir merken, dass unsere bisherigen Strategien uns nicht mehr weiterbringen, sind wir bereit, die Identität, die wir uns so mühsam aufgebaut haben, für einen Moment in Frage zu stellen.

Das erfordert Mut – den Mut, die gewohnte „Geschichte meines Lebens“ loszulassen, um einfach nur „da“ zu sein. Es ist die Bereitschaft, emotionale Altlasten nicht mehr ständig zu füttern, sondern sie durch bloße Aufmerksamkeit zur Ruhe kommen zu lassen.

Innere Klärung beginnt dort, wo wir aufhören, uns in der Vergangenheit zu verlieren, und die Stille zwischen zwei Gedanken als unseren eigentlichen Anker entdecken. Es ist kein Wellness-Ausflug, es ist eine Heimkehr zu unserer ursprünglichen Natur.

Liebe Leserinnen und Leser,

wie oft am Tag halten Sie inne, um einfach nur das Atmen zu spüren, ohne es zu bewerten? Vielleicht ist heute – nach diesem Impuls – der Tag, an dem Sie nicht nur über die Gegenwart lesen, sondern sich erlauben, für einen winzigen Augenblick ganz darin zu verweilen.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor