„Ich müsste doch eigentlich glücklich sein, Herr Schwenkkraus. Ich habe einen Job, ich bin gesund, aber irgendwie… da muss doch noch mehr kommen. Das kann doch nicht alles gewesen sein.“

Diesen Satz höre ich in meinen Online-Sitzungen oft. Er beginnt fast immer mit einem „Eigentlich“ und endet in einer tiefen Ratlosigkeit. Es ist, als stünden meine Klientinnen und Klienten vor einem unsichtbaren Pflichtenheft der Gesellschaft. Darauf steht ganz oben: Du musst glücklich sein. Du musst die perfekte Partnerschaft führen. Du musst dich ständig selbst verwirklichen.

Doch genau dieser Anspruch – dieser „Glücksdruck“ – ist oft der sicherste Weg ins Unglück.

Der Hamster im Rad der Reflexion

Wir Menschen haben eine wunderbare Gabe, die uns gleichzeitig zum Verhängnis wird: Wir können reflektieren. Wir können über die Vergangenheit grübeln und die Zukunft planen. Wir können uns vorstellen, wie unser Leben sein könnte, wenn wir nur noch dieses eine Ziel erreichen oder jenen Partner finden würden.

Was wir von den Tieren lernen können

Wenn ich während einer Beratung aus dem Fenster schaue und auf einem Baum eine Amsel sehe, wird mir der Unterschied oft schmerzlich bewusst. Die Amsel sitzt dort. Sie ist im Hier und Jetzt. Sie fragt sich nicht, ob ihre Gesangstechnik für die nächste Paarungssaison ausreicht oder ob sie in einem größeren Nest glücklicher wäre. Sie leidet nicht psychisch unter dem Vergleich mit einer idealisierten Version ihrer selbst. Wir hingegen haben das Verweilen im Moment verlernt, weil wir ständig damit beschäftigt sind, das „Jetzt“ zu bewerten und für ungenügend zu befinden.

Eckhart Tolle und die Falle des „Noch mehr“

Eckhart Tolle beschreibt das sehr treffend: Unser Ego lebt vom „Mehr“. Es suggeriert uns, dass das Glück immer hinter der nächsten Ecke wartet. Doch das Jetzt ist der einzige Ort, an dem Leben wirklich stattetfindet. Wenn wir die Einstellung von Tolle ernst nehmen, bedeutet das, den Widerstand gegen das, was gerade ist, aufzugeben.

Sogar der Schmerz oder die Langeweile verlieren einen Teil ihres Schreckens, wenn wir aufhören, sie mit der Erwartung zu bekämpfen, dass es eigentlich anders sein müsste.

Wu Wei: Das Segel setzen, statt gegen den Strom zu rudern

Hier kommt Theo Fischer ins Spiel, der das taoistische Prinzip des Wu Wei (Nicht-Handeln oder besser: Nichterzwingen) so wunderbar in unsere westliche Welt übersetzt hat. Wu Wei bedeutet nicht Passivität. Es bedeutet, im Einklang mit dem Fluss der Dinge zu handeln, statt mit purer Willenskraft gegen das Leben anzukämpfen.

Warum Ratgeber allein nicht helfen

In der Beratung erlebe ich oft, dass Menschen versuchen, ihr Glück zu „erarbeiten“. Sie lesen den zehnten spirituellen Ratgeber, besuchen das fünfte Seminar und wissen theoretisch alles über Achtsamkeit. Aber hier liegt die Falle: Mit dem Lesen allein ist es nicht getan. Man kann Spiritualität nicht „konsumieren“, um dann ein Problem abzuhaken.

Die Übung macht den Meister – nicht das Lesen

Es reicht nicht, spirituelle Konzepte zu verstehen. Man kann das Schwimmen nicht durch das Lesen eines Buches lernen. Man muss ins Wasser. Das Verweilen im Hier und Jetzt ist eine Übung, die wir jeden Tag aufs Neue beginnen müssen. Es ist die Schwierigkeit, genau in diesem Moment die Tastatur unter den Fingern zu spüren, den Atem fließen zu lassen und den Drang zu beobachten, schon wieder an das Abendessen oder das Projekt von morgen zu denken.

Es geht darum, den Druck rauszunehmen. Sie müssen nicht glücklich sein. Sie dürfen erst einmal einfach nur da sein. Und vielleicht bemerken Sie dann, dass in diesem schlichten „Da-Sein“, ohne die Bewertung und ohne das Verlangen nach „noch mehr“, eine ganz eigene, stille Zufriedenheit liegt.

Liebe Leserinnen und Leser,

das Üben im Jetzt ist keine Aufgabe, die man irgendwann „erledigt“ hat. Es ist ein lebenslanger Prozess, bei dem wir uns immer wieder liebevoll zu uns selbst zurückholen dürfen. Vielleicht probieren Sie es heute einmal aus: Nur ein Moment, in dem nichts anders sein muss, als es gerade ist.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor