Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich auf dem Balkon eines Bergbauernhofs in Südtirol. Der Blick geht weit hinunter ins Etschtal, die Luft schmeckt nach frischem Gras und kühlem Fels. Eigentlich die perfekte Kulisse für die ganz „großen“, weltbewegenden Gedanken. Doch als ich heute Morgen aufgewacht bin, war es nicht das epische Panorama, das mich tief berührt hat. Es war der erste, heiße Schluck Kaffee aus meiner Tasse. Es war das Gefühl, einfach nur hier zu sitzen und zu atmen.
In meiner Arbeit als Berater begegnen mir häufig Menschen, die auf der Suche nach dem „großen Wurf“ sind. Sie suchen nach der perfekten Lebensentscheidung, dem ultimativen Sinn oder dem ganz großen, dauerhaften Glück. Und oft spüre ich durch den Bildschirm hindurch eine tiefe Erschöpfung. Wir haben verlernt, das zu sehen, was direkt vor unseren Füßen liegt.
Die Illusion des „Später“ und die Sehnsucht nach Mehr
In unseren Beratungsgesprächen sortieren wir oft die Gedankenknäuel des Alltags. Ein roter Faden, der sich fast immer durchzieht, ist das Aufschieben des eigentlichen Lebens. „Wenn ich erst das Projekt abgeschlossen habe…“, „Wenn die Kinder erst aus dem Gröbsten raus sind…“ oder „Wenn ich endlich am Strand im Urlaub sitze, dann fängt das Leben an.“ Wir jagen Meilensteinen hinterher und übersehen, dass das Leben kein Zielbahnhof ist, sondern die Zugfahrt selbst. Diese ständige Zukunfts-Orientierung baut einen enormen Druck auf. Sie suggeriert uns, dass das Hier und Jetzt unvollständig ist. Aber die Wahrheit ist: Wenn wir nicht lernen, im Gewöhnlichen präsent zu sein, wird uns auch das Außergewöhnliche nicht erfüllen.
Was uns der Zen-Buddhismus über den Abwasch lehrt
Es gibt eine wunderbare, alte Zen-Weisheit, die dieses Prinzip auf den Punkt bringt: „Wenn du gehst, geh. Wenn du sitszt, sitz. Vor allem aber: Schwanke nicht.“ Ein Zen-Meister fügte dem einmal hinzu: „Beim Abwaschen geht es nur darum, abzuwaschen.“
Die Magie der reinen Handlung
Das klingt fast zu simpel, oder? Aber probieren Sie es mal aus. Wenn wir den Abwasch machen, sind wir im Geist meist schon beim nächsten Meeting, beim unbeantworteten Mailverlauf oder beim Ärger des gestrigen Tages. Wir spüren das warme Wasser nicht, wir riechen das Spülmittel nicht. Zen lädt uns ein, genau das Gegenteil zu tun: Ganz da zu sein. Das warme Wasser auf der Haut spüren. Das Geräusch des Tellers wahrnehmen.
In dieser radikalen Zuwendung zum gegenwärtigen Moment liegt eine enorme psychische Entlastung. Es ist die reinste Form der Achtsamkeit. Das wahre Leben versteckt sich nicht in den glitzernden Highlights, sondern in der Qualität, mit der wir die einfachsten, alltäglichsten Dinge tun.
Die Vergesslichkeit des Wohlstands: Wenn das Normale nicht mehr reicht
Eigentlich ist es paradox. Rein evolutionär und existenziell betrachtet, sind wir reich beschenkt, wenn wir drei Dinge haben: ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und einen Körper, der frei von Schmerzen ist. Das ist das Fundament eines sicheren Lebens. Und doch reicht es uns im Alltag oft nicht mehr aus. Wir gewöhnen uns so schnell an diesen Zustand, dass er uns langweilig erscheint. Wir fordern permanent Reize, Optimierung und das nächste Highlight, um uns lebendig zu fühlen.
Wie fatal dieser Trugschluss ist, merken wir meist erst dann, wenn dieses Fundament ins Wanken gerät. Sobald akute Schmerzen hinzukommen, sobald uns eine plötzliche Krankheit aus der Bahn wirft, kollabiert unser ganzes System an Ansprüchen. In diesem Moment schrumpfen alle Wünsche im Bruchteil einer Sekunde zusammen. Wir wollen dann kein Feuerwerk mehr, keine Karriereleiter, kein Statussymbol. Das Einzige, wonach wir uns am Ende sehnen, ist unser ganz normales, banales Leben zurück. Wir wollen einfach nur schmerzfrei atmen, spazieren gehen oder schlafen können.
Es braucht keine Highlights, um glücklich zu sein – es braucht nur den Blick dafür, wie wertvoll die Abwesenheit von Leid im gegenwärtigen Moment ist.
Wie Sie die Einfachheit zurück in Ihren Alltag holen
Hier oben auf dem Bergbauernhof diktiert die Natur den Rhythmus. Man kann das Gras nicht schneller wachsen lassen, indem man daran zieht. Und die Berge fordern uns geradezu auf, innezuhalten. Diesen Geist der Einfachheit können wir überall leben – auch mitten in der Großstadt und im stressigen Berufsalltag.
- Die Mikro-Pause der Sinne: Nehmen Sie sich dreimal am Tag eine Minute Zeit, um nur eine Sache mit allen Sinnen wahrzunehmen. Wie schmeckt der Kaffee im ersten Moment? Wie fühlt sich die kühle Morgenluft auf der Haut an?
- Die Monotasking-Inseln: Widmen Sie sich einer alltäglichen Pflicht – sei es das Bettenmachen, das Zähneputzen oder das Tippen einer E-Mail – mit Ihrer vollen, ungeteilten Aufmerksamkeit. Ohne Radio im Hintergrund, ohne nebenher aufs Smartphone zu schauen.
- Die Demut des Augenblicks: Erinnern Sie sich in Momenten der Unzufriedenheit ganz bewusst daran: Ich habe ein Dach über dem Kopf. Ich habe zu essen. Mein Körper trägt mich gerade durch diesen Tag. Das ist nicht selbstverständlich, sondern ein Privileg.
Wenn wir aufhören, das Leben optimieren zu wollen, fängt es an, zu fließen. Ganz von selbst.
Liebe Leserinnen und Leser,
wann haben Sie das letzte Mal innegehalten und gefühlt, wie gut es sich anfühlt, wenn gerade einfach nichts fehlt? Welches vermeintlich selbstverständliche Geschenk wartet heute in Ihrem Alltag darauf, von Ihnen gewürdigt zu werden? Ich lade Sie ein, heute einmal ganz bewusst den Autopiloten auszuschalten – und sei es nur für die Dauer einer Tasse Kaffee.
Berater und Autor
