Viele meiner Klient*innen sitzen in modernen Büros oder im Homeoffice, haben objektiv betrachtet alles erreicht – und fühlen sich dennoch seltsam leer. „Herr Schwenkkraus“, fragte mich neulich ein Klient, „ich verdiene gut, aber ich spüre einfach nicht, dass das meine Berufung ist. Habe ich mein Leben falsch geplant? Oder bin ich vielleicht gar nicht in der Lage dazu, so etwas wie eine Berufung zu finden? Fehlen mir schlichtweg die besonderen Fähigkeiten, von denen andere immer erzählen?“

Diese Frage rührt an einen der empfindlichsten Punkte unserer modernen Arbeitswelt: Die Erwartung, dass unser Job nicht nur unsere Rechnungen bezahlen, sondern gleichzeitig unsere gesamte Existenz mit Sinn fluten muss.

Berufung ist mehr als ein Arbeitsvertrag

In der Logotherapie nach Viktor Frankl gehen wir davon aus, dass der Mensch ein Wesen auf der Suche nach Sinn ist. Doch Frankl unterschied dabei sehr klar: Sinn ist nichts, was wir „haben“ oder „besitzen“ – Sinn ist etwas, das wir in die Welt bringen.

Manche Menschen haben das große Glück, ihre Berufung im Beruf zu finden. Sie gehen in ihrer Tätigkeit auf, spüren eine tiefe Übereinstimmung zwischen ihren Werten und ihrem täglichen Tun. Das ist ein Geschenk. Doch es ist eben nicht der einzige Weg. Die Gleichsetzung von „Beruf = Berufung“ kann sogar zu einer gefährlichen Falle werden. Wenn wir glauben, dass wir nur durch unsere Erwerbsarbeit sinnvoll existieren, geraten wir in eine tiefe Krise, sobald der Job wegfällt oder die Anforderungen uns auslaugen.

Der Sinn außerhalb der Stechuhr

In meinen Beratungsgesprächen erlebe ich oft eine spürbare Erleichterung, wenn wir den Blick weiten. Berufung bedeutet im Kern: „Wozu fühle ich mich gerufen?“

Das kann die liebevolle Erziehung der Kinder sein, das ehrenamtliche Engagement im Tierschutz, die Pflege eines Gartens oder das Schaffen von Kunst in der Freizeit. Die Logotherapie lehrt uns, dass wir Sinn in drei Bereichen finden können:

  1. Schöpferische Werte: Etwas tun, etwas erschaffen (das kann der Beruf sein, muss es aber nicht).
  2. Erlebniswerte: Etwas empfangen (Natur, Kunst, Begegnungen).
  3. Einstellungswerte: Wie wir zu unveränderlichem Leid stehen.

Wenn Sie Ihren Job „nur“ als soliden Beruf ausüben, der Ihnen die Freiheit ermöglicht, Ihre wahre Berufung in Ihrer Freizeit zu leben, dann ist das absolut sinnvoll und wertvoll. Ein Beruf darf auch einfach ein Mittel zum Zweck sein, um die Räume zu finanzieren, in denen Ihre Seele atmen kann.

Die Freiheit der Wahl: Eine logotherapeutische Perspektive

Frankl betonte immer wieder die „Trotzmacht des Geistes“. Selbst wenn wir in einem Job feststecken, der uns wenig Erfüllung bietet, bleibt uns die Freiheit, unsere Einstellung dazu zu wählen. Wir können entscheiden, wie wir den Kollegen begegnen, wie gewissenhaft wir unsere Aufgaben erledigen und wofür wir die Energie nutzen, die uns am Feierabend bleibt.

Berufung ist eine Lebensaufgabe, kein Karriereschritt. Sie ist das, was uns morgens aufstehen lässt – und das kann das Lächeln eines Menschen sein, dem wir helfen, oder die tiefe Freude an einem Hobby, in dem wir ganz bei uns sind.

Den Druck herausnehmen

Sollten Sie also das Gefühl haben, in Ihrem Beruf nicht Ihre „Bestimmung“ gefunden zu haben: Atmen Sie durch. Sie sind deshalb kein Versager. Vielleicht liegt Ihre Berufung ganz woanders – in einer Rolle, für die es kein Gehalt, aber eine unbezahlbare innere Belohnung gibt.

In der Onlineberatung arbeiten wir oft daran, diese verborgenen Sinn-Quellen wiederzuentdecken. Es geht darum, das „Wofür“ zu finden, das über die nächste Deadline hinausreicht. Dabei hilft oft ein Blick auf das Konzept des Ikigai, um die Schnittmenge aus dem zu finden, was wir lieben und was die Welt von uns braucht.

Übung: Die Sinn-Inventur nach dem Feierabend

Um den Fokus von der reinen Erwerbsarbeit zu lösen, lade ich Sie ein, heute Abend eine kleine „Sinn-Inventur“ zu machen. Stellen Sie sich nicht die Frage: „Was habe ich heute geleistet?“, sondern fragen Sie sich nach logotherapeutischem Vorbild:

  • Schöpferisch: Wo habe ich heute eine Spur hinterlassen? (Das kann eine Mail sein, aber auch das Kochen eines Essens oder das Reparieren einer Kleinigkeit.)
  • Erlebend: Welchen Moment habe ich heute bewusst genossen? (Das Licht der Sonne, ein Musikstück, das Lachen eines Kollegen.)
  • Haltung: Wo bin ich einer Schwierigkeit mit Würde oder Geduld begegnet?

Diese kleinen Momente sind es, die in der Summe eine „Berufung zum Leben“ ergeben – ganz unabhängig von Ihrer Jobbeschreibung.

Liebe Leserinnen und Leser,

das Leben verlangt nicht von uns, dass wir die perfekte Karriere hinlegen. Es fragt uns lediglich: „Was fängst du mit der Zeit an, die dir gegeben ist?“ Schauen Sie heute einmal ganz bewusst darauf, wo Sie in Ihrem Alltag Sinn stiften – egal, ob mit oder ohne Arbeitsvertrag.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor