In meiner Praxis begegne ich oft Menschen, die an einem Punkt stehen, an dem die äußere Fassade ihres Lebens zwar stabil aussieht, sich im Inneren aber eine schleichende Leere breitgemacht hat. „Eigentlich habe ich alles“, sagen sie dann oft, „aber ich frage mich: War das schon alles? Wofür stehe ich morgens eigentlich auf?“

Diese Frage nach dem „Wofür“ ist keine bloße philosophische Spielerei. Sie ist der Kern dessen, was uns psychisch gesund hält. Die Japaner haben dafür einen wunderschönen Begriff: Ikigai. Er setzt sich zusammen aus iki (Leben) und gai (Wert) – das, was das Leben lebenswert macht.

Mehr als nur ein Vier-Kreise-Modell

Vielleicht haben Sie das bekannte Ikigai-Diagramm schon einmal gesehen: Die Schnittmenge aus dem, was man liebt, was man gut kann, was die Welt braucht und womit man Geld verdienen kann. In der Beratung merke ich jedoch schnell: Das wahre Ikigai ist weniger eine Optimierungsaufgabe für den Lebenslauf, sondern eine tiefe innere Haltung.

Hier schlägt Ikigai die Brücke zu zwei Ansätzen, die mir in meiner Arbeit besonders am Herzen liegen: der Logotherapie nach Viktor Frankl und der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT).

Der Wille zum Sinn: Die Verbindung zur Logotherapie

Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, betonte immer wieder: Der Mensch ist ein Wesen auf der Suche nach Sinn. Frankl war überzeugt, dass wir selbst unter widrigsten Umständen überleben können, wenn wir ein „Wofür“ haben.

In der Onlineberatung suchen wir oft gemeinsam nach diesem „Sinn-Organ“. Wie beim Ikigai geht es in der Logotherapie nicht darum, den Sinn des Lebens abstrakt zu erfinden, sondern ihn im Konkreten zu finden. Er liegt oft in den Momenten der Resonanz: in einer Aufgabe, die uns ganz ausfüllt, im Erleben von Schönheit oder in der bewussten Gestaltung unserer Beziehungen zur Welt und zu uns selbst. Ikigai ist im Grunde die gelebte Logotherapie im Alltag.

Vom Denken ins Handeln: Die Verbindung zur ACT

Doch wie kommen wir dorthin, wenn uns Ängste, Selbstzweifel oder schmerzhafte Erinnerungen blockieren? Hier hilft uns die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT).

ACT lehrt uns psychologische Flexibilität. Oft verbringen meine Klient*innen viel Energie damit, unangenehme Gefühle wegzuargumentieren. In der ACT – und auch beim Finden des eigenen Ikigai – geht es aber nicht darum, erst „angstfrei“ oder „perfekt“ zu sein. Es geht darum, die schwierigen Gefühle mitzunehmen und trotzdem das zu tun, was wertvoll ist.

Ein Ikigai ohne Commitment (Verpflichtung) bleibt ein Tagtraum. ACT gibt uns die Werkzeuge, um unsere Werte zu definieren und trotz der inneren „Krokodile“ (wie ich sie in einem anderen Beitrag nannte) Schritt für Schritt in die Richtung zu gehen, die sich stimmig anfühlt.

Ikigai ist ein Weg, kein Ziel

Ihr Ikigai muss nicht die Rettung der Welt sein. Es kann das Pflegen des Gartens sein, das ehrliche Gespräch mit dem Partner oder die Sorgfalt in Ihrem Beruf. Es ist die Schnittmenge aus Ihrer persönlichen Geschichte (Logotherapie) und Ihrem mutigen Handeln im Hier und Jetzt (ACT).

Wenn wir unser Ikigai finden, bedeutet das nicht, dass das Leben plötzlich anstrengungsfrei wird. Aber es bekommt eine Richtung. Der Wind mag immer noch rau wehen, aber wir wissen, warum wir die Segel setzen.

Liebe Leserinnen und Leser,

was ist es bei Ihnen? Was lässt Ihr Herz ein kleines bisschen höher schlagen, auch wenn der Alltag gerade grau erscheint? Manchmal müssen wir nicht das ganze Leben umkrempeln, um Sinn zu finden. Oft reicht es, den Fokus ein wenig zu verschieben und das zu würdigen, was bereits da ist und darauf wartet, gelebt zu werden.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor