Es ist ein faszinierendes und zugleich anstrengendes Phänomen unseres Geistes: Da taucht ein einzelner, kleiner Gedanke auf – ein Zweifel, eine Sorge oder ein kritisches „Was wäre wenn“ – und plötzlich zieht er uns komplett in seinen Bann. Anstatt ihn wie eine belanglose Randnotiz zu behandeln, schenken wir ihm unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Wir fangen an, ihn zu analysieren, ihn zu drehen und zu wenden.

Kurz gesagt: Wir fangen an, das Krokodil zu füttern.

Die Dynamik der inneren Raubtierfütterung

Vielleicht kennen Sie das auch aus Ihrem Alltag: Sie sitzen eigentlich entspannt beim Abendessen oder liegen bereits im Bett, und plötzlich schleicht sich eine negative Erinnerung ein. Vielleicht war es eine Bemerkung eines Kollegen oder die Sorge um ein kommendes Projekt. Anstatt diesen Gedanken wie eine vorbeiziehende Wolke zu betrachten, werfen wir ihm ein saftiges Stück unserer mentalen Energie hin.

Wir grübeln: „Warum hat er das so gesagt?“, „Was denkt sie jetzt von mir?“, „Hätte ich anders reagieren müssen?“. In diesem Moment passiert etwas Tückisches: Das Krokodil schnappt zu – und es bekommt Appetit auf mehr. Je mehr wir diesen destruktiven Gedankenschleifen nachgeben, desto kräftiger werden sie. Aus einer kleinen Echse wird ein ausgewachsenes Reptil, das den ganzen Raum im Kopf einnimmt und uns die Ruhe, den Schlaf und letztlich die Lebensfreude raubt.

Warum wir glauben, füttern zu müssen

Hinter diesem Verhalten steckt meist ein verständlicher Irrtum. Viele Menschen, die ich in meinen Beratungsgesprächen begleite, stehen unter dem Druck, jeden Gedanken „lösen“ oder zu Ende denken zu müssen, damit er verschwindet. Wir verwechseln das endlose Kreisen um eine Sorge mit konstruktivem Problemlösen. Doch während eine echte Lösung uns voranbringt, ist das Füttern des Krokodils ein kräftezehrender Kreislauf ohne Ziel.

Psychologisch sprechen wir hier oft von der sogenannten „kognitiven Fusion“. Wir verschmelzen so sehr mit dem Gedanken, dass wir ihn für die absolute Realität halten. Wenn der Gedanke sagt: „Du hast versagt“, dann fühlen wir uns wie ein Versager. Wir vergessen dabei, dass ein Gedanke erst einmal nur ein elektrischer Impuls in unserem Gehirn ist – ein Vorschlag unseres Verstandes, den wir nicht ungeprüft als Wahrheit annehmen müssen.

Das Gehirn lernt, was wir trainieren

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum das Aufhören so schwerfällt: unser Gehirn ist lernfähig. Es funktioniert nach dem Prinzip der Neuroplastizität. Wenn wir jeden Tag Zeit damit verbringen, das „Sorgen-Krokodil“ zu füttern, bauen wir eine regelrechte neuronale Autobahn für diese negativen Bahnen aus. Unser Gehirn wird zum Spezialisten darin, sich Sorgen zu machen.

Die gute Nachricht ist jedoch: Wir können diese Autobahnen auch wieder zurückbauen. Das Zauberwort heißt „Entzug“. Wenn wir aufhören, die negativen Gedanken mit unserer wertvollen Aufmerksamkeit zu füttern, werden die Verbindungen mit der Zeit schwächer. Das Krokodil verschwindet zwar nicht unbedingt sofort aus dem Fluss, aber es wird träge, klein und verliert seine Macht über unseren Alltag.

Die Kunst der freundlichen Ignoranz

Wie also stoppen wir die Fütterung? Die Kunst besteht nicht darin, die Krokodile mit Gewalt zu bekämpfen. Wer gegen ein Krokodil kämpft, schenkt ihm paradoxerweise die maximale Aufmerksamkeit. Es geht vielmehr um eine Form der achtsamen Distanz.

Wenn das nächste Mal ein destruktiver Gedanke auftaucht, probieren Sie folgendes:

  • Benennen Sie es: Sagen Sie sich innerlich: „Ah, da ist wieder das Krokodil.“ Das schafft sofort eine kleine Distanz zwischen Ihnen und dem Impuls.
  • Entscheiden Sie sich gegen die Fütterung: Erkennen Sie an, dass der Gedanke da ist, aber verweigern Sie das „Weiterkauen“. Gehen Sie nicht auf die Argumente des Krokodils ein.
  • Fokus umlenken: Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit bewusst auf das Hier und Jetzt. Was spüren Sie gerade körperlich? Was hören Sie? Welche Aufgabe liegt gerade wirklich vor Ihnen?

Ohne Futter ziehen die Krokodile irgendwann weiter, weil es bei Ihnen schlichtweg nichts mehr zu holen gibt. Sie lernen, dass Sie nicht Ihre Gedanken sind, sondern der Beobachter, der entscheidet, wem er seine Energie schenkt.

Liebe Leserinnen und Leser,

welche „Krokodile“ schleichen sich bei Ihnen immer wieder an? Und haben Sie heute schon einmal ganz bewusst die Fütterung verweigert? Ich lade Sie ein, achtsam mit Ihrer Aufmerksamkeit umzugehen – sie ist Ihr wertvollstes Gut und entscheidet maßgeblich über Ihre Lebensqualität.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor