In meiner Onlineberatung begegne ich immer wieder Menschen die erschöpft sind, weil sie versuchen, ihr Leben mit purer Willenskraft zu bezwingen. Sie kämpfen gegen belastende Situationen, gegen unliebsame Gefühle oder gegen die Macken ihrer Mitmenschen. Es ist das verkrampfte Eingreifen des Egos, das uns letztlich nur noch tiefer in den Sumpf zieht.

Das Tao bietet uns einen anderen Weg an. Es ist die Einladung, das Ruder loszulassen und zu erkennen, dass der Fluss des Lebens uns ohnehin trägt – wenn wir ihn nur lassen. Doch so friedvoll das klingt, so groß ist oft der Widerstand meiner Klient*innen, wenn ich diesen Weg empfehle.

Warum uns das Tao Angst macht

Wenn ich in der Beratung vorschlage, die Anstrengung aufzugeben und in die Radikale Akzeptanz zu gehen, löst das bei vielen erst einmal Unbehagen aus. Warum fällt es uns so schwer, dem Tao zu folgen?

  • Der Kontrollverlust: Unser Verstand liebt die Illusion von Kontrolle. Wir glauben, wenn wir nur fest genug nachdenken, planen und uns sorgen, könnten wir das Schicksal bändigen. Das Tao verlangt von uns, diese Kontrolle aufzugeben und einer Intelligenz zu vertrauen, die wir nicht mit dem Verstand fassen können.
  • Die Verwechslung von Akzeptanz und Schwäche: Viele denken, Radikale Akzeptanz bedeute, alles über sich ergehen zu lassen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Widerstand gegen das Unveränderliche macht uns schwach und handlungsunfähig. Erst das „Ja“ zu dem, was ist, gibt uns die Bodenhaftung zurück.
  • Unsere Leistungsgesellschaft: Von klein auf lernen wir: „Von nichts kommt nichts.“ Wir definieren uns über unser Tun. Nichts zu tun oder die Dinge geschehen zu lassen, fühlt sich für viele wie Versagen an. Dabei ist Wu Wei – das Handeln im Einklang mit dem Fluss – die höchste Form der Meisterschaft.

Es ist genau diese Reibung zwischen dem, was wir „wollen“, und dem, was „ist“, die das Leid verursacht. In meinem Beitrag „Akzeptieren – aber wie?“ habe ich bereits aufgezeigt, dass wahre Stärke in der Nachgiebigkeit liegt, so wie das Wasser den harten Stein besiegt.

Radikale Akzeptanz als praktisches Werkzeug

In der Onlineberatung nutzen wir die Radikale Akzeptanz als Brücke zum Tao. Es ist der bewusste Entschluss, den Kampf gegen die Gegenwart zu beenden.

Wenn wir zum Beispiel merken, dass wir uns in einem Konflikt verhakt haben, ist der erste Schritt nicht die Lösung des Problems, sondern das radikale Annehmen des Status Quo: „Ja, ich bin gerade wütend, und ja, mein Gegenüber versteht mich gerade nicht.“ In diesem Moment hört das „Rudern“ auf. Wir sind wieder im Fluss.

Durch das Verständnis dafür, wie der Geist funktioniert, wissen wir, dass wir die Wahl haben. Wir können uns entscheiden, dem Drang des Egos zu folgen, das alles sofort „fixen“ will, oder wir können innehalten und schauen, welchen Weg das Tao uns weist.

Den Fluss des Lebens wieder spüren

Dem Tao zu folgen bedeutet nicht, ziellos zu treiben. Es bedeutet, mit der Energie zu gehen, die bereits vorhanden ist. Wenn wir aufhören, uns gegen das Leben zu stemmen, bemerken wir plötzlich Möglichkeiten, die wir im Tunnelblick des Widerstands völlig übersehen haben.

In unseren Sitzungen arbeiten wir daran, diese feinen Impulse wieder wahrzunehmen. Es geht darum, die „innere Autorität“ zu stärken, die genau weiß, wann es Zeit ist zu handeln und wann es Zeit ist, einfach nur zu sein.

Liebe Leserinnen und Leser,

das Tao und die Radikale Akzeptanz sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Sie laden uns ein, dem Leben wieder zu vertrauen. Das ist manchmal beängstigend, weil wir das Gefühl von Sicherheit durch Kontrolle aufgeben müssen. Aber in diesem Loslassen liegt eine Freiheit, die durch kein noch so hartes „Machen“ erreicht werden kann.

Wo spüren Sie heute den Impuls, den Kampf gegen die Realität aufzugeben? Vielleicht ist genau dort der Punkt, an dem das Tao für Sie spürbar wird.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor