Gestern Abend nahm an einer inspirierenden Live-Diskussion mit Deb Dana teil – einer Beraterin und Autorin, die ich seit einigen Jahren sehr schätze. Kaum jemand versteht es so einfühlsam wie sie, die bahnbrechenden neurobiologischen Forschungen von Dr. Stephen Porges in eine verständliche, heilsame Praxis zu übersetzen. Während ich ihren ruhigen Ausführungen lauschte, spürte ich einmal mehr eine tiefe Dankbarkeit für dieses Erklärungsmodell. Mein Weg zu diesem Erklärungsmodell begann allerdings schon Jahre früher: Als ich die wegweisenden Werke von Peter Levine und Bessel van der Kolk las, wurde mir erstmals so richtig bewusst, wie untrennbar seelische Schutzmechanismen und körperliche Reaktionen miteinander verwoben sind.

Was mich an diesem Konzept vom ersten Moment an berührt und überzeugt hat, ist seine evolutionäre Tiefe. Wir Menschen sind keine fehlerhaften Konstruktionen, die ständig „falsch reagieren“. Unser Nervensystem ist das hochkomplexe Ergebnis von Jahrmillionen erfolgreicher Anpassung. Alles, was wir in Momenten von innerem Alarm, Anspannung, Überforderung oder Erstarrung erleben, dient im Grunde einem einzigen biologischen Ziel: unserem Schutz und Überleben.

Wenn wir diese evolutionäre Brille aufsetzen, geschieht etwas Wunderbares: An die Stelle quälender Selbstkritik tritt ein tiefes, entlastendes Mitgefühl – mit dem eigenen Nervensystem, aber gleichermaßen mit den Nervensystemen unserer Mitmenschen. Denn sobald wir begreifen, dass ein gereizter Partner, eine abweisende Kollegin oder das eigene rebellierende Herz keine mutwilligen Angriffe sind, sondern der Versuch eines Schutzsystems, wieder Sicherheit herzustellen, verliert der Alltag seine Härte. Wir beginnen, Freundschaft mit unserem inneren Wächter zu schließen.

Das Fundament: Das autonome Nervensystem neu gedacht

Lange Zeit lehrte uns die Schulbiologie ein scheinbar simples Modell: Wir haben den Sympathikus, der uns für Aktivität oder Flucht mobilisiert, und den Parasympathikus als Ruhenerv für Entspannung, Regeneration und Verdauung. Das klang plausibel, ließ aber viele drängende Fragen unbeantwortet: Warum fühlen wir uns in manchen Momenten der Erschöpfung so vollkommen wie betäubt? Warum hilft gut gemeintes Zureden oft überhaupt nicht, wenn wir innerlich dichtgemacht haben?

Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges erweitert diese Sichtweise um einen entscheidenden Aspekt: Unser Vagusnerv – der zentrale Hauptnerv des Parasympathikus – besteht aus zwei entwicklungsgeschichtlich grundverschiedenen Ästen. Unser Nervensystem reagiert nicht chaotisch, sondern folgt einer festen biologischen Rangordnung. Man kann sich diese Funktionsweise wie eine evolutionäre Leiter vorstellen, auf der wir uns täglich auf und ab bewegen.

Die drei Stufen unseres inneren Schutzsystems

Je nachdem, welche Signale unser Körper aus der Umwelt empfängt, schaltet er blitzschnell in einen von drei Grundzuständen.

1. Der ventrale Vagus: Verbundenheit, Vertrauen und echte Sicherheit

Dies ist der jüngste Teil unseres Nervensystems, den wir mit anderen Säugetieren teilen. Wenn der ventrale Vagus aktiv ist, fühlen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes sicher, präsent und sozial verbunden. Unser Herzschlag verlangsamt sich, schlägt wieder anpassungsfähig und lebendig, die Atmung fließt frei, und die Gesichtsmuskulatur wird weich und ausdrucksstark. Wir können einander in die Augen schauen, Zwischentöne wahrnehmen und die Melodie einer menschlichen Stimme hören.

In diesem Zustand sind wir fähig zur Selbstreflexion, können kreative Lösungen für Probleme finden und empathisch kommunizieren. Es ist jener Zustand, den wir im Alltag als Gelassenheit, innere Ruhe und Balance erleben.

2. Der Sympathikus: Der Ruf zu Handlung, Verteidigung und Mobilisierung

Nimmt unser Körper Anzeichen von Stress, Hektik oder Leistungsdruck wahr, verlassen wir diese Sicherheitsebene und klettern auf der Leiter eine Stufe tiefer. Das sympathische Nervensystem übernimmt die Führung. Adrenalin flutet den Organismus, der Puls steigt, die Muskeln spannen sich an. Unser inneres Alarmsystem ruft: „Achtung, Gefahr! Tu etwas! Kämpfe oder fliehe!“

In unserem modernen Alltag rennen wir selten vor Fressfeinden davon. Stattdessen äußert sich diese Mobilisierung in getriebener innerer Unruhe, plötzlichen starken Angstzuständen, Reizbarkeit, Gedankenkreisen oder dem ständigen Gefühl, nicht zur Ruhe kommen zu dürfen.

3. Der dorsale Vagus: Der uralte Notstopp und der Schutz durch Rückzug

Reicht die Mobilisierung nicht aus, empfinden wir eine Situation als völlig aussichtslos oder hält eine Belastung über Monate an, greift unser System auf die älteste evolutionäre Schicht zurück: den dorsalen Vagus. Diesen Notfallmechanismus teilen wir bereits mit Reptilien.

Hier wird die Energie des gesamten Körpers massiv gedrosselt. Der Blutdruck sinkt, die Sinne trüben sich ein, und wir fühlen uns wie abgeschnitten von der Welt, emotional erstarrt oder wie hinter einer dicken Glaswand. In meiner Beratungspraxis beschreiben Klient*innen diesen Zustand häufig als bleierne Erschöpfung, dumpfe Leere, Antriebslosigkeit oder das Phänomen, selbst kleinste Aufgaben vor sich herzuschieben.

Neurozeption: Wenn alte Muster im Hier und Jetzt Alarm schlagen

Ein zentraler Begriff, den Stephen Porges geprägt hat und der meinen Klient*innen oft die Augen öffnet, ist die sogenannte Neurozeption.

Neurozeption beschreibt die Fähigkeit unseres Nervensystems, fortlaufend und vollkommen unbewusst drei Bereiche abzutasten: unser inneres Körperbefinden, unsere äußere Umgebung und die Signale unseres Gegenübers. Das Entscheidende daran ist: Diese unbewusste Wahrnehmung arbeitet um ein Vielfaches schneller als unser denkendes Großhirn – aber sie unterscheidet nicht automatisch zwischen objektiver Realität und erlernten Erfahrungen.

Unser Nervensystem schlägt Alarm, sobald ein Reiz im Hier und Jetzt an eine frühere Bedrohung, Zurückweisung oder Überforderung erinnert. Das bedeutet: Der Körper reagiert so, als ob eine akute Gefahr bestünde, obwohl objektiv im Außen alles vollkommen sicher ist. Es sind alte Schutzmuster, die blitzschnell anspringen und uns körperlich in Alarmbereitschaft versetzen, lange bevor unser logischer Verstand die Situation überhaupt einordnen kann.

In meiner Onlineberatung höre ich dann häufig: „Herr Schwenkkraus, rein logisch weiß ich doch, dass das bevorstehende Mitarbeitergespräch mich nicht umbringt. Warum bricht trotzdem dieser kalte Schweiß aus und mein Herz fängt an zu rasen?“

Die Antwort lautet: Weil Ihr logischer Verstand bei dieser ersten Risikobewertung schlicht nicht gefragt wird. Ihr Nervensystem greift auf alte Erfahrungen zurück und geht vorsichtshalber auf Nummer sicher. Es ist keine Schwäche oder Einbildung, wenn der Körper Alarm schlägt, obwohl keine reale Gefahr droht – es ist ein veraltetes Schutzprogramm, das damals wichtig war und heute noch automatisch anspringt.

Die Polyvagal-Theorie in der Onlineberatung: Co-Regulation über den Bildschirm

Gelegentlich fragen mich Ratsuchende: „Herr Schwenkkraus, lässt sich ein so körperbezogenes, relationales Modell überhaupt online über die Kamera nutzen?“

Meine Erfahrung zeigt: Ja, ganz hervorragend. Oft ermöglicht es sogar eine besonders achtsame, geschützte Form des Miteinanders, weil Klient*innen sich in ihrer vertrauten häuslichen Umgebung befinden.

Der Schlüsselbegriff lautet Co-Regulation. Der Mensch ist kein isolierter Einzelkämpfer; unser Nervensystem ist evolutionsbiologisch darauf ausgelegt, sich im Kontakt mit einem anderen, sicheren Nervensystem zu beruhigen. Wenn Klient*innen in meine Videositzung kommen, befinden sie sich oft in großer innerer Anspannung.

Hier beginnt die Arbeit nicht mit To-do-Listen, sondern auf der somatischen Ebene:

  • Stimme und Sprechtempo: Eine ruhige, melodische Stimme signalisiert dem Vagusnerv: Hier droht dir keine Gefahr.
  • Präsenz und Mimik: Auch durch die Webcam spürt das Gegenüber intuitiv, ob ein Blick bewertend oder einladend und zugewandt ist.
  • Den eigenen Anker halten: Als Berater achte ich während der Sitzung sehr bewusst auf meine eigene körperliche Erdung. Bleibe ich in einem entspannten, ventralen Zustand, wird dieser zu einem sicheren Hafen, an dem sich das Nervensystem meines Gegenübers orientieren kann.

Schritt für Schritt erforschen wir das persönliche Nervensystem: Woran spüren Sie im Körper, dass alte Alarmmuster anspringen? Welche Auslöser lassen Sie innerlich erstarren, obwohl keine reale Bedrohung vorliegt? Und was sind Ihre persönlichen „Glimmer“ – jene kleinen, kostbaren Alltagsmomente, die Ihrem System wieder ein Gefühl von echter Sicherheit und Wohlbefinden schenken?

Vom inneren Kampf zum Bündnis mit sich selbst und anderen

Wenn wir die Polyvagal-Theorie verinnerlichen, geschieht etwas zutiefst Heilsames: Wir hören auf, gegen unsere eigenen Schutzmechanismen anzukämpfen. Wir erkennen, dass Angstgefühle oder das Verharren im Rückzug keine Charakterschwächen sind, sondern treue Begleiter, die versuchen, uns zu beschützen – selbst wenn sie sich in der aktuellen Situation irren.

Und dieses Verständnis transformiert auch unsere Partnerschaften und Begegnungen: Wenn uns jemand gereizt anfährt, reagieren wir seltener mit Gegenangriff, weil wir erkennen: Hier spricht gerade ein überlastetes Nervensystem, das verzweifelt um Sicherheit ringt. Wir müssen uns nicht bekämpfen. Wir dürfen lernen, uns gegenseitig und uns selbst immer wieder sichere Häfen anzubieten und unserem Nervensystem geduldig beizubringen, dass die Gegenwart oft viel sicherer ist als die Vergangenheit.

    Liebe Leserinnen und Leser,

    wie gut kennen Sie Ihren eigenen inneren Schutz-Fahrstuhl? Wenn Sie das nächste Mal bemerken, dass Unruhe oder Erschöpfung in Ihnen hochsteigen, verurteilen Sie sich nicht dafür. Fragen Sie sich mit freundlicher Neugier: Welches alte Muster meldet sich hier gerade und was braucht mein Körper jetzt für ein Gefühl von Sicherheit?  Mit meiner Onlineberatung begleite ich Sie gerne dabei, wieder in die Balance zu finden.

    👉 Jetzt kostenfreies Erstgespräch online vereinbaren

    Rainer Schwenkkraus

    Berater und Autor