Weil ich die tiefe Bedeutung dieser Worte so sehr schätze, begleiten sie mich nun schon seit vielen Jahren:
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“
Dieser berühmte Satz, der dem Wiener Neurologen, Psychiatrie-Professor und Holocaust-Überlebenden Viktor Frankl zugeschrieben wird, ist weit mehr als eine schöne philosophische Weisheit für ein Motivationsposter. Er beinhaltet eine radikale, fast revolutionäre Einladung für unser alltägliches Leben.
In meiner Arbeit als Onlineberater begegne ich immer wieder Menschen, die das Gefühl haben, von den Wellen ihres Alltags überspült zu werden. Sie fühlen sich getrieben von den Anforderungen der Arbeit, den Reaktionen ihres Partners oder schlichtweg von der Schnelligkeit unserer Welt. Sie erleben sich oft nicht als Gestalter ihres Lebens, sondern als Ausgeführte. Doch was passiert eigentlich, wenn wir lernen, genau diesen kleinen Zwischenraum wieder zu entdecken?
Der Automatismus des Alltags: Warum wir uns oft wie ferngesteuert fühlen
Stellen Sie sich folgende Szene vor: Sie sitzen am späten Nachmittag am Schreibtisch. Die Müdigkeit kriecht langsam hoch, die To-do-Liste ist noch lang. Plötzlich ploppt eine E-Mail Ihres Vorgesetzten oder eines Kunden auf. Der Tonfall? Leicht vorwurfsvoll.
Was passiert in diesem Sekundenbruchteil? Bei den meisten von uns läuft sofort ein altbewährtes inneres Programm ab. Der Puls steigt, die Muskeln spannen sich an. Innerhalb von Millisekunden meldet sich die innere Verteidigung: Wut, Enttäuschung oder der Reflex, sofort eine Rechtfertigung zurückzutippen.
Das ist der klassische Ablauf von Reiz und direkter Reaktion.
- Der Reiz: Ein äußeres Ereignis (eine Nachricht, ein Blick, eine Bemerkung, ein Stau).
- Die automatische Reaktion: Eine emotionale Entladung, ein Rückzug oder ein Gegenschlag.
In der Psychologie sprechen wir hierbei oft vom sogenannten „Autopiloten“. Unser Gehirn liebt Effizienz. Um Energie zu sparen, verknüpft es bestimmte Reize direkt mit erlernten Reaktionsmustern. Das ist im Straßenverkehr lebensrettend – wenn ein Auto plötzlich bremst, sollten wir nicht lange nachdenken, sondern auf die Bremse treten.
Doch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, im Beruf und im Umgang mit uns selbst wird genau dieser Autopilot oft zur Falle. Er lässt uns Dinge sagen, die wir später bereuen. Er führt dazu, dass wir uns in Stresszustände hineinsteigern oder uns in alten Opferrollen verfangen. Wir glauben dann fälschlicherweise: „Ich konnte gar nicht anders.“
Die Wiederentdeckung des Raumes: Die Kunst des Innehaltens
Viktor Frankls Botschaft erinnert uns daran, dass wir eben keine bloßen Automaten sind. Selbst unter den extremsten Bedingungen menschlichen Leidens beobachtete Frankl im Konzentrationslager, dass dem Menschen eines niemals genommen werden kann: die innere Einstellung zu den Dingen.
Der Raum zwischen Reiz und Reaktion ist im Alltag meist verschwindend klein – oft nur ein Wimpernschlag. Doch das Erstaunliche ist: Man kann diesen Raum dehnen.
Wenn in den Gesprächen meiner Onlineberatung Klientinnen und Klienten von ihren Konflikten berichten, frage ich oft: „Was wäre passiert, wenn Sie in diesem einen Moment kurz durchgeatmet hätten, bevor Sie geantwortet haben?“
In diesem winzigen Innehalten geschieht etwas Magisches. Wir schalten vom emotionalen Notfallmodus (dem Reptiliengehirn) um auf unser bewusstes Denken. Wir gewinnen die Regie über unser Handeln zurück.
Wie Sie den Raum im Alltag spürbar vergrößern können
Den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu betreten, erfordert Übung. Es ist wie ein Muskel, den wir im Alltag trainieren können. Hier sind drei einfache Impulse, die Sie direkt ausprobieren können:
- Die dreisekündige Atem-Pause: Wenn ein Reiz Sie trifft – sei es eine provokante Bemerkung oder eine unerwartete Nachricht –, halten Sie kurz inne. Atmen Sie einmal tief durch die Nase ein und etwas länger durch den Mund aus. Dieser eine Atemzug signalisiert Ihrem Nervensystem: Es besteht keine akute Lebensgefahr.
- Körperliche Wahrnehmung statt Verstand: Spüren Sie im Moment der Anspannung Ihre Füße fest auf dem Boden oder Ihre Hände auf der Schreibtischkante. Die Verankerung im Körper bringt Sie blitzschnell zurück in die Gegenwart und unterbricht das Gedankenkarussell.
- Die magische Frage stellen: Fragen Sie sich ganz bewusst: „Wie möchte ich auf diese Situation antworten – und wer möchte ich in diesem Moment sein?“
Die Freiheit zur Wahl: Selbstwirksamkeit im Beziehungsalltag
Warum ist dieser Raum so kostbar? Weil in ihm unsere persönliche Freiheit liegt.
Freiheit bedeutet nicht, dass wir immer kontrollieren können, was uns von außen widerfährt. Wir können das Wetter nicht ändern, nicht das Verhalten unserer Mitmenschen und oft auch nicht die sprichwörtlichen Stolpersteine des Lebens. Aber wir haben immer die Wahl, wie wir darauf antworten.
In meinen Beratungsgesprächen sehe ich regelmäßig, wie befreiend diese Erkenntnis wirkt. Wenn Paare erkennen, dass sie nicht auf jeden emotionalen Köder des anderen anspringen müssen, verändern sich festgefahrene Dynamiken fast über Nacht. Wenn Führungskräfte merken, dass sie Kritik nicht sofort persönlich nehmen müssen, entsteht Raum für echte, lösungsorientierte Gespräche.
Aus einer unbewussten Reaktion wird eine bewusste Antwort.
Es geht dabei keineswegs darum, Gefühle wie Wut, Trauer oder Ärger zu unterdrücken. Im Gegenteil: Sie dürfen all diese Emotionen wahrnehmen. Der Unterschied ist lediglich, dass nicht mehr Ihre Emotionen das Steuer übernehmen, sondern Sie selbst. Sie beobachten das Gefühl, nehmen es an, entscheiden dann aber ganz bewusst über Ihren nächsten Schritt.
Wachstum im Zwischenraum: Vom Reagieren zum Gestalten
Wenn wir lernen, diesen Raum zwischen Reiz und Reaktion regelmäßig zu nutzen, passiert etwas Wundervolles: Wir wachsen als Persönlichkeit. Wir entwickeln eine innere Stabilität, die nicht davon abhängt, dass um uns herum immer alles glattläuft.
Das Leben wird dadurch nicht frei von Konflikten oder Herausforderungen. Aber wir hören auf, uns als passive Opfer der Umstände zu fühlen. Wir werden wieder zu den Gestaltern unseres eigenen Erlebens. Wir übernehmen Verantwortung für unsere Reaktionen – und genau darin liegt die Wurzel echter Selbstbestimmung und inneren Friedens.
Jeder Tag bietet uns Dutzende kleine Gelegenheiten, diesen Raum zu betreten. Beim Warten an der roten Ampel, beim Blick auf das Display des Smartphones oder im Gespräch am Abendbrottisch.
Liebe Leserinnen und Leser,
wo im Leben spüren Sie gerade den Wunsch nach etwas mehr Raum? Welcher Reiz triggert Sie im Alltag am schnellsten – und wie könnte Ihre ganz bewusste Antwort darauf aussehen, wenn Sie sich vor der Reaktion nur einen einzigen tiefen Atemzug Zeit nehmen?
Sollten Sie das Gefühl haben, dass Ihr Autopilot im Moment besonders stark reagiert oder Sie Unterstützung beim Sortieren Ihrer Gedanken suchen, bin ich in meiner Onlineberatung gerne an Ihrer Seite.
