Kennen Sie das? Sie liegen abends im Bett, eigentlich ist alles ruhig, aber in Ihrem Kopf startet ein Marathon. Ein kleiner Zweifel von heute Nachmittag hat sich zu einem ausgewachsenen Szenario für die Zukunft aufgeblasen. Sie versuchen, diese Gedanken wegzudrücken, sich zu beruhigen oder „positiv zu denken“ – doch je mehr Sie versuchen, das Gedankenkarussell zu stoppen, desto schneller dreht es sich.
In meiner Onlineberatung höre ich diesen Satz oft: „Herr Schwenkkraus, ich will diese negativen Gedanken einfach nur loswerden!“ Es ist ein zutiefst menschlicher Wunsch, aber genau hier liegt oft die Falle.
Der Kampf mit dem rosa Elefanten: Warum Unterdrückung nicht funktioniert
Wir Menschen sind darauf programmiert, Probleme zu lösen. Wenn in der Außenwelt etwas kaputt ist, reparieren wir es. Aber in unserer Innenwelt funktioniert das oft genau andersherum. Versuchen Sie einmal, die nächsten 30 Sekunden auf keinen Fall an einen rosa Elefanten zu denken. Was passiert? Er steht direkt vor Ihrem inneren Auge.
Genau hier setzt ein Ansatz an, den ich in meiner täglichen Arbeit sehr schätze: die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Anstatt wertvolle Energie in den Kampf gegen „falsche“ Gedanken zu stecken, lernen wir, die Perspektive zu wechseln.
Das Tauziehen mit dem Monster: Eine Metapher aus meiner Beratung
Oft wird Akzeptanz missverstanden als „aufgeben“ oder „alles gut finden“. In der ACT-Arbeit nutzen wir ein Bild, das viele meiner Klientinnen und Klienten sehr befreiend finden: Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem Tauziehen mit einem Monster (Ihren Ängsten, Sorgen oder Selbstzweifeln). Zwischen Ihnen und dem Monster klafft ein tiefer Abgrund.
Warum wir uns erschöpfen
Sie ziehen und ziehen, um das Monster in den Abgrund zu stürzen. Doch das Monster ist stark und zieht zurück. Sie sind erschöpft, Ihre Hände brennen und Sie können sich auf nichts anderes mehr konzentrieren als auf dieses Seil.
Die Lösung: Das Seil loslassen
Die Lösung in der Onlineberatung ist oft: Lassen Sie das Seil los. Das Monster ist immer noch da. Es brüllt vielleicht sogar laut. Aber Sie kämpfen nicht mehr. Ihre Hände sind frei. Sie können sich jetzt umdrehen und schauen, was Ihnen in Ihrem Leben eigentlich wichtig ist, anstatt den Abgrund anzustarren.
Vom „Warum“ zum „Wofür“: Die Kraft des Commitments
In unseren Sitzungen schauen wir uns nicht nur an, wie wir den Widerstand gegen unangenehme Gefühle verringern können. Wir gehen einen entscheidenden Schritt weiter: Was ist Ihnen wirklich wichtig?
Wenn das Grübeln nicht mehr Ihren ganzen Fokus beansprucht – wofür möchten Sie Ihre neu gewonnene Energie einsetzen? Das ist das „Commitment“ – das Versprechen an sich selbst, ein werteorientiertes Leben zu führen, auch wenn der Kopf manchmal stürmisch ist.
Ein kleiner Impuls für Ihren Alltag
Wenn Sie das nächste Mal im Gedankenkarussell feststecken, probieren Sie eine Technik der „Defusion“ aus: Sagen Sie nicht „Ich bin unfähig“ oder „Ich habe Angst“. Sagen Sie stattdessen: „Ich habe gerade den Gedanken, dass ich Angst habe.“ Dieser kleine sprachliche Unterschied schafft den nötigen Raum, um das Seil loszulassen
Liebe Leserinnen und Leser,
das Leben muss nicht erst perfekt oder gedankenfrei sein, damit wir beginnen können, es nach unseren Werten zu gestalten. Manchmal reicht es schon, das Monster an die Hand zu nehmen, statt gegen es zu kämpfen, und gemeinsam den nächsten Schritt zu gehen. Welches „Seil“ halten Sie gerade noch krampfhaft fest?
