In meiner täglichen Arbeit als Onlineberater begegne ich oft Menschen, die sich in einer paradoxen Situation befinden: Sie leiden unter ihrer aktuellen Lebenssituation – sei es im Job, in der Partnerschaft oder in ihrer inneren Einstellung – und doch halten sie krampfhaft daran fest. Es ist dieses Gefühl, vor einer offenen Tür zu stehen, aber den Fuß nicht über die Schwelle setzen zu können.

Warum ist das so? Warum fällt es uns so schwer, das Alte loszulassen, selbst wenn es uns nicht mehr gut tut?

Die Sicherheit des Bekannten

Unser Gehirn liebt Vorhersehbarkeit. Das Bekannte, so schmerzhaft oder unbefriedigend es auch sein mag, bietet uns eine seltsame Form von Sicherheit. Wir wissen, wie wir mit dem täglichen Frust umgehen müssen. Wir kennen die Spielregeln unseres Unglücks. Eine Veränderung hingegen bedeutet das Betreten von Neuland. Und Neuland ist für unser archaisches System oft gleichbedeutend mit Unsicherheit.

In den Beratungsgesprächen am Bildschirm erlebe ich oft, dass die Angst vor dem „Was kommt danach?“ größer ist als der aktuelle Leidensdruck. Wir warten auf den perfekten Moment, auf das Signal, dass wir nun endlich bereit sind. Doch die Wahrheit ist: Diesen einen, schmerzlosen Moment gibt es selten.

Der Moment der Entschlossenheit

Es ist eine zentrale Überzeugung meiner Arbeit, die ich auch so auf meiner Website beschreibe: Der richtige Zeitpunkt für eine Veränderung ist nicht dann, wenn alle Zweifel verschwunden sind. Er ist genau dann gekommen, wenn die eigene Entschlossenheit endlich größer wird als die Angst vor der nackten Wahrheit.

Echte Veränderung beginnt in dem Augenblick, in dem Sie bereit sind, Ihre eigenen Muster aktiv zu hinterfragen. Das ist der Punkt, an dem unsere gemeinsame Arbeit ihre volle Kraft entfalten kann. Als Berater sehe ich mich dabei als Ihr Begleiter, der Ihnen den Raum und die Werkzeuge bietet – doch den entscheidenden Schritt über die Schwelle, den gehen Sie selbst.

Wenn kleine Schritte nicht mehr reichen

Oft sprechen wir in der Psychologie von der „Politik der kleinen Schritte“. Und ja, oft sind es die feinen Justierungen in der Wahrnehmung, die den Stein ins Rollen bringen. Doch zur Wahrheit gehört auch: Manchmal reicht ein bloßes „Umstellen der Möbel“ in Ihrem vertrauten Leben nicht aus.

Es gibt Phasen, da bedeutet Veränderung, das Leben radikal umzukrempeln. Das kann der Abschied von einer langjährigen Karriere sein, das Ende einer Beziehung, die keine Nahrung mehr gibt, oder der Mut, an einen völlig neuen Ort zu ziehen – geografisch wie emotional. Dieses Umkrempeln fühlt sich oft erst einmal wie ein Zusammenbruch an, dabei ist es meist ein Durchbruch. Es ist das Eingeständnis, dass das alte Gefäß schlicht zu klein geworden ist für das, was Sie heute sind.

Solche tiefgreifenden Umbrüche erfordern enorme Kraft, denn sie rütteln an unserem Fundament. Aber genau hier liegt die größte Chance: Wenn alles in Bewegung ist, können wir die Steine neu setzen – diesmal nach unserem eigenen Bauplan und nicht nach den Erwartungen anderer.

Die Angst als Wegweiser

Es geht nicht darum, keine Angst zu haben. Es geht darum, trotz der Angst loszugehen, weil das Ziel – ein authentischeres, freieres Leben – es wert ist. Die Angst ist dabei oft ein Wegweiser: Sie zeigt uns genau dorthin, wo Wachstum möglich ist.

Liebe Leserinnen und Leser,

welche Veränderung schieben Sie vielleicht schon länger vor sich her? Ist es Zeit für einen kleinen Schritt oder spüren Sie, dass es eigentlich darum geht, das Leben einmal grundlegend umzukrempeln? Was müsste passieren, damit Ihre Entschlossenheit ein Stückchen größer wird als Ihre Angst? Ich lade Sie ein, diesen ersten Impuls ernst zu nehmen. Manchmal ist das bloße Aussprechen des Wunsches nach Veränderung bereits der Beginn des Weges.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor