Neulich sprach mich ein Klient in einem Beratungsgespräch darauf an. Er wirkte sichtlich erschöpft von dem Versuch, sein Leben „richtig“ zu manifestieren. „Herr Schwenkkraus“, sagte er, „ich visualisiere jeden Tag meine Ziele, wie es in ‚The Secret‘ steht, aber es fühlt sich an wie ein permanenter Kampf. Gleichzeitig lese ich über Wu Wei und das Nicht-Handeln. Schließt sich das nicht gegenseitig aus? Muss ich jetzt hart arbeiten oder einfach gar nichts tun?“
Diese Frage ist so wertvoll, weil sie ein Dilemma beschreibt, in dem viele von uns stecken: Wir wollen unser Leben aktiv gestalten, aber wir wollen dabei nicht ausbrennen. In meiner Onlineberatung sehe ich oft, dass die Suche nach dem richtigen Weg zwischen „Wollen“ und „Zulassen“ eine der größten Herausforderungen für unsere psychische Gesundheit ist.
The Secret: Die Kraft der bewussten Ausrichtung
In meinen Beratungen werde ich immer wieder mit derartigen Ratgebern konfrontiert. Besonders häufig fällt dabei der Name eines weltweiten Bestsellers: „The Secret“ von Rhonda Byrne. Dieses Buch und das darin beschriebene Gesetz der Resonanz basieren auf der Idee, dass unsere Gedanken unsere Realität erschaffen. Es geht um Fokus. In der Psychologie würden wir sagen: Wir schärfen unsere selektive Wahrnehmung. Wenn ich mich intensiv auf ein Ziel ausrichte, fange ich an, Möglichkeiten zu sehen, die mir vorher entgangen sind.
Der Kern dieses Ansatzes ist das aktive Wollen. Ich setze eine Intention und gehe davon aus, dass das Universum (oder mein Unterbewusstsein) darauf antwortet. Das gibt uns ein Gefühl von Selbstwirksamkeit – ein enorm wichtiger Faktor für unsere Resilienz. Wir fühlen uns nicht mehr als Opfer der Umstände, sondern als aktive Gestalter. Doch genau hier erlebe ich in der Onlineberatung oft die Kehrseite: Wenn das Gewünschte ausbleibt, schlägt die Hoffnung schnell in Selbstvorwürfe um.
Wu Wei: Das Segel setzen, statt gegen den Wind zu rudern
Auf der anderen Seite steht ein Konzept, das mir in meiner täglichen Arbeit besonders am Herzen liegt: Wu Wei. Dieser Begriff aus dem Taoismus wird oft fälschlicherweise mit „Nichts-Tun“ übersetzt. Doch in meinen Beratungen vermittle ich Wu Wei vielmehr als ein „Handeln durch Nicht-Eingreifen“ oder das „Handeln im Einklang mit dem Fluss des Lebens“.
Ich halte dieses Konzept für außerordentlich wertvoll, gerade in einer Zeit, in der wir glauben, alles kontrollieren und erzwingen zu müssen. Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem kleinen Boot auf einem Fluss. Wu Wei bedeutet nicht, die Hände in den Schoß zu legen, sondern die Segel so zu setzen, dass die vorhandene Kraft des Windes und des Wassers uns trägt. Es ist ein Zustand müheloser Handlung.
In der Onlineberatung nutzen meine Klient*innen und ich dieses Prinzip oft, um den inneren Widerstand gegen schwierige Lebensphasen aufzugeben. Es geht darum, die „Intelligenz des Seins“ zu nutzen, statt sich durch blindem Aktionismus zu erschöpfen. Wir lernen gemeinsam, den richtigen Moment für eine Handlung abzuwarten, anstatt mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.
Die Gemeinsamkeiten: Wo sich Vision und Hingabe treffen
Obwohl sie aus völlig unterschiedlichen Richtungen kommen, haben beide Konzepte einen entscheidenden gemeinsamen Nenner: das Vertrauen.
- Vertrauen in den Prozess: Bei „The Secret“ vertraue ich darauf, dass meine Vision wahr wird. Bei Wu Wei vertraue ich darauf, dass das Leben (das Tao) einen Sinn hat und ich darin aufgehoben bin.
- Die Abwesenheit von Angst: Beide Ansätze funktionieren nur, wenn wir aus einem Zustand der Fülle und nicht aus einem Mangelgefühl oder purer Angst agieren.
Der feine Unterschied: Wollen vs. Fließen
Der größte Unterschied liegt in der Anspannung. „The Secret“ kann in der Praxis oft zu einer Art „Gedankenkontrolle“ ausarten, die Druck erzeugt: „Ich muss positiv denken, sonst manifestiere ich das Falsche!“ Das führt in meiner Praxis oft zu Klient*innen, die unter einer enormen spirituellen Selbstoptimierungslast leiden.
Wu Wei hingegen nimmt den Druck raus. Es sagt: Du musst die Welt nicht im Alleingang verbiegen. Du darfst schauen, was das Leben dir gerade anbietet, und darauf antworten. Während „The Secret“ oft fragt: „Was kann ich vom Leben bekommen?“, fragt Wu Wei eher: „Wie kann ich mit dem Leben fließen?“
Die Synthese für den Alltag
In meinen Sitzungen erarbeiten wir oft einen Mittelweg. Ich nenne es gerne „fokussierte Gelassenheit“. Wir dürfen uns Ziele setzen und visualisieren, wo wir hinmöchten (The Secret), aber wir müssen bereit sein, den Weg dorthin nicht erzwingen zu wollen (Wu Wei).
Wenn wir starr an einem Plan festhalten, übersehen wir oft die Abkürzungen oder schöneren Wege, die uns das Leben rechts und links des Pfades anbietet. Wahre Meisterschaft im Leben bedeutet vielleicht, zu wissen, wann man das Ruder fest in die Hand nimmt und wann man es einfach mal laufen lässt.
Liebe Leserinnen und Leser,
haben Sie sich heute schon gefragt, an welcher Stelle Sie gerade noch mühsam gegen den Strom rudern? Vielleicht ist es an der Zeit, das Ruder für einen Moment einzuziehen und zu schauen, wohin die Strömung Sie ganz von alleine trägt. Vertrauen Sie darauf, dass Sie auch ohne ständige Anstrengung am richtigen Ort ankommen können.
