Wenn Sie sich auf meiner Webseite umschauen, finden Sie unter dem Punkt „Mit welchen Anliegen kommen die Menschen zu mir?“ auch ganz explizit das Thema Persönlichkeitsentwicklung. Und das aus gutem Grund. Doch in den Gesprächen meiner Onlineberatung erlebe ich oft einen Moment des Erstaunens, wenn wir definieren, was das eigentlich bedeutet. Viele Klient*innen kommen zu mir mit dem Wunsch nach „Optimierung“ oder „Effizienz“ – sie wollen die „beste Version ihrer selbst“ werden, als wäre das eigene Ich ein Betriebssystem, das dringend ein Update benötigt.

In meiner Beratungspraxis begegne ich diesem Phänomen ständig: Wir jagen einem Bild von uns selbst hinterher, das wir durch immer neue Schichten von Wissen und Disziplin erreichen wollen. Wir glauben, wir müssten uns etwas „hinzufügen“, um besser zu werden. Doch was, wenn wir dabei das Wesentliche völlig übersehen?

Wenn das Streben nach „Mehr“ uns eigentlich gefangen hält

Das Wort Persönlichkeitsentwicklung ist in unserer Leistungsgesellschaft fast schon zu einem Synonym für Selbstoptimierung geworden. Wir wollen weiterkommen, wir wollen uns steigern, wir wollen die nächste Stufe auf einer imaginären Leiter erklimmen. Aber dieses „Sich-Steigern“ führt oft nur dazu, dass wir uns noch mehr aufladen. Wir wickeln uns Schicht um Schicht in Erwartungen, neue Verhaltensmuster und fremde Konzepte ein, bis wir uns darunter kaum noch spüren können.

In der Beratung erlebe ich oft, dass genau dieser Druck, sich entwickeln zu müssen, die eigentliche Blockade ist. Wir sind so sehr damit beschäftigt, jemand zu werden, dass wir vergessen haben, wer wir eigentlich sind. Wir verstricken uns in dem Versuch, perfekt zu funktionieren.

Zurück zum Ursprung: Die Verwicklung entwickeln

Schauen wir uns das Wort „Entwicklung“ doch einmal genauer an. Es steckt eine wunderschöne, fast schon befreiende Bedeutung darin, die wir im Alltag oft vergessen: Etwas, das verwickelt ist, wird ent-wickelt.

Stellen Sie sich ein Paket vor, das mit unzähligen Lagen Schnur und Papier umwickelt ist. Persönlichkeitsentwicklung bedeutet in meiner Welt nicht, noch ein schöneres Geschenkpapier oben drüber zu kleben. Es bedeutet, die alten Schnüre zu lösen. Es geht darum, die Verwicklungen – die alten Glaubenssätze, die übernommenen Ängste, die Schutzpanzer, die wir uns über Jahre angelegt haben – Schicht für Schicht abzutragen.

Den Kern freilegen statt die Fassade polieren

Wenn wir in der Onlineberatung zusammenarbeiten, dann schauen wir uns diese Verwicklungen gemeinsam an. Wir fragen nicht: „Was müssen Sie noch lernen, um besser zu sein?“, sondern: „Was darf eigentlich weg, damit Sie wieder zum Vorschein kommen?“

Es ist oft ein schmerzhafter, aber zutiefst heilsamer Prozess. Es geht nicht um das „Höher, Schneller, Weiter“, sondern um ein „Ehrlicher, Tiefer, Freier“. Die Freiheit entsteht nicht dadurch, dass wir uns neu erfinden, sondern dadurch, dass wir das loslassen, was wir gar nicht sind. Wir entwickeln die Verwicklung, bis der Kern wieder atmen kann.

Die Erlaubnis, einfach zu sein

Wahres Wachstum geschieht oft in der Stille, wenn der Lärm der Optimierung verstummt. In dem Moment, in dem wir aufhören, an uns herumzuschrauben, beginnt der Raum für echte Veränderung. Es ist die Erlaubnis, die Masken abzulegen und zu schauen, was darunter zum Vorschein kommt. Das ist keine Leistungssteigerung – das ist eine Rückkehr zu sich selbst.

Liebe Leserinnen und Leser,

vielleicht ist der nächste Schritt auf Ihrem Weg gar kein Schritt nach vorne, sondern ein Innehalten. Wo fühlen Sie sich in Ihrem Leben verwickelt? Welche Schicht darf sich vielleicht gerade jetzt lösen? Ich lade Sie ein, Entwicklung einmal nicht als Arbeit an sich selbst zu verstehen, sondern als ein liebevolles Auspacken Ihres eigenen Wesens.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor