Es ist oft ein ganz bestimmter Moment in meinen Sitzungen: Eine Stille, die nicht leer ist, sondern ein tiefes, fast greifbares Gefühl der Ratlosigkeit überträgt. Mein Gegenüber sitzt vielleicht in seinem vertrauten Sessel, und doch wirkt alles fremd. Die Frage, die dann im Raum steht – mal laut ausgesprochen, mal leise mitschwingend – ist fast immer dieselbe: „Wofür das alles?“

In solchen Momenten greife ich in meiner Arbeit gerne auf die Logotherapie zurück, die „Sinn-Lehre“ nach Viktor Frankl. Oft werde ich gefragt, ob eine so tiefgründige, existenzielle Methode überhaupt über die Distanz funktioniert. Meine Erfahrung zeigt: Was zählt, ist nicht der physische Raum, in dem wir uns befinden, sondern der Raum für neue Gedanken, den wir gemeinsam öffnen.

Die Trotzmacht des Geistes

Die Logotherapie geht davon aus, dass wir Menschen nicht einfach nur ein Produkt unserer Gene oder unserer Umwelt sind. Wir besitzen eine sogenannte „Trotzmacht des Geistes“. Das bedeutet: Wir haben die Freiheit, uns zu unseren Umständen einzustellen. Wir können wählen, wie wir auf das antworten, was das Leben uns vor die Füße wirft.

In der Beratung erlebe ich das oft sehr unmittelbar. Wenn wir uns begegnen, bricht die äußere Fassade des Alltags oft schnell weg. Diese Ehrlichkeit hilft uns, direkt zum Kern vorzudringen. Wir suchen nicht nach einer schnellen Reparatur von Symptomen, sondern nach dem, was Frankl den „Willen zum Sinn“ nannte.

Sinnsuche statt reiner Fehleranalyse

Oft kommen Klientinnen und Klienten mit dem Wunsch zu mir, endlich wieder „funktionieren“ zu müssen. Sie wollen die Angst loswerden oder die Leere wegdrücken. In der logotherapeutischen Begleitung drehen wir den Spieß um. Wir fragen nicht nur: „Warum hast du dieses Problem?“, sondern: „Wozu fordert dich diese Situation gerade heraus?“

Der Sokratische Dialog

In meinen Beratungen nutze ich hierfür oft den Sokratischen Dialog. Das ist kein Verhör, sondern ein gemeinsames „Hervorlocken“ von Wissen, das Sie eigentlich schon in sich tragen. Durch gezielte Fragen navigieren wir durch das Dickicht der Gedanken, bis wir zu dem Punkt kommen, an dem ein tieferes Verständnis für Ihre eigenen Werte aufblitzt.

Sinn ist dabei nichts Abstraktes. Er verbirgt sich oft in den Möglichkeiten des Augenblicks:

  • In einer Aufgabe, die darauf wartet, von uns gestaltet zu werden.
  • In der Liebe und Hingabe zu einem anderen Menschen oder einem Herzensprojekt.
  • In der Haltung, mit der wir einem unveränderbaren Schicksal begegnen.

Vom existenziellen Vakuum zur neuen Weite

In einem meiner letzten Beiträge habe ich bereits über das existenzielle Vakuum geschrieben – jenen nebligen Zustand, in dem sich alles hohl und bedeutungslos anfühlt. In der Beratung begegnet mir dieses Vakuum oft als eine Form von innerer Erschöpfung. Wir sind zwar ständig aktiv, aber oft fehlt die tiefe Anbindung an das, was uns im Innersten bewegt.

Das Vakuum ist jedoch kein Endzustand. In der Logotherapie betrachten wir die Leere nicht als einen Defekt, sondern als eine Art „Sograum“. Wo ein Vakuum ist, entsteht Platz für etwas Neues. In unseren Gesprächen nutzen wir diesen Raum, um die Werte freizulegen, die unter dem Schutt der täglichen Verpflichtungen begraben liegen.

Antworten finden in der Stille

Gerade wenn das „existenzielle Vakuum“ zuschlägt, fühlen wir uns oft gelähmt. Doch wenn der Lärm des Alltags verstummt, können wir ehrlich fragen: Was bleibt? In der Beratung schaffen wir die nötige Sicherheit, um genau diese Frage zuzulassen, ohne sofort eine fertige Lösung parat haben zu müssen.

Wofür es sich zu entscheiden lohnt

Die Logotherapie ist keine Technik, die man „anwendet“, sondern eine Haltung. Es geht um die echte Begegnung von Mensch zu Mensch. Wenn wir gemeinsam entdecken, wofür es sich für Sie zu leben lohnt, dann wird das Medium, über das wir sprechen, nebensächlich.

Was zählt, ist die Entdeckung Ihrer ganz persönlichen Werte. Wir verwandeln die passive Frage „Was habe ich noch vom Leben zu erwarten?“ in die aktive Frage: „Was erwartet das Leben gerade von mir?“

Liebe Leserinnen und Leser,

das Leben stellt uns keine Fragen, die wir rein theoretisch beantworten können. Es stellt uns Fragen, die wir durch unser Handeln und unser Sein beantworten müssen. Wenn Sie spüren, dass die Frage nach dem „Wofür“ in Ihrem Leben gerade lauter wird, lade ich Sie ein, diesen Weg der Sinnsuche gemeinsam zu gehen – ganz unkompliziert von dort aus, wo Sie gerade stehen.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor