In meinen Beratungen erlebe ich oft einen bezeichnenden Moment: Eine Klientin oder ein Klient erzählt mir von einer tiefen inneren Unruhe. Von einem Gefühl, „nicht ganz da“ zu sein, obwohl der Alltag perfekt durchgetaktet ist. Wenn ich dann die Frage stelle: „Wann waren Sie das letzte Mal wirklich mit sich allein?“, erntet ich oft erst einmal Schweigen. Und dann kommt meistens ein: „Naja, gestern Abend auf dem Sofa“ oder „Heute Morgen beim Joggen“.

Doch wenn wir genauer hinschauen, stellt sich heraus: Auf dem Sofa lief der Fernseher als Hintergrundrauschen, während das Smartphone in der Hand der eigentliche Begleiter war. Und beim Joggen sorgte der Lieblings-Podcast dafür, dass bloß keine Stille entsteht.

Die Flucht vor der eigenen Gesellschaft

Ich möchte heute mal ein wenig provokant sein: Wie viele Minuten – oder gar Stunden – verbringen Sie pro Tag wirklich mit sich selbst?

Und nein, ich meine nicht die Zeit, in der Sie schlafen. Da ist Ihr Bewusstsein im Stand-by oder auf Reisen, aber es ist nicht präsent im Kontakt mit dem, was Sie gerade ausmacht. Ich meine die wachen Stunden. Die Zeit ohne Display, ohne Hintergrundbeschallung, ohne soziale Interaktion – sei sie digital oder analog.

Schauen Sie sich doch mal um:

  • In der Bahn: Niemand schaut mehr aus dem Fenster und lässt den Blick schweifen. Jeder starrt auf sein Display, tippt Nachrichten oder scrollt durch endlose Feeds.
  • Im Fitnessstudio: Eigentlich ein Ort, um den eigenen Körper zu spüren. Doch selbst zwischen den Sätzen an der Hantelbank wird sofort das Handy gezückt, um bloß keine Sekunde „leer“ zu lassen.
  • Zu Hause: Selbst wenn wir „entspannen“, tun wir das selten mit uns selbst. Da flimmert der Fernseher, während wir gleichzeitig auf dem Handy “daddeln”.
  • Soziale Kontakte: Wir pflegen unsere Netzwerke bis zur Erschöpfung. Wir gehen ständig aus, treffen uns mit Menschen, schreiben in unzähligen Gruppen-Chats – oft nur, um ja keine Lücke im Terminkalender entstehen zu lassen, in der wir uns selbst begegnen könnten.

Wir leben in einer Ära der permanenten Selbstvermeidung. Wir optimieren uns, wir lesen Ratgeber, wir tracken unsere Schritte und unseren Schlaf. Aber wir halten es kaum noch aus, einfach nur dazusitzen und den eigenen Gedanken zuzusehen.

Lieber Schmerz als Stille: Was die Wissenschaft sagt

Dass diese Abneigung gegen die eigene Gesellschaft kein individuelles „Problem“ von Ihnen ist, sondern ein tief sitzendes menschliches Phänomen, zeigt eine fast schon erschreckende Studie der University of Virginia.

Dort wurden Probanden für nur 15 Minuten in einen leeren Raum gesetzt. Ohne Handy, ohne Buch, ohne Ablenkung. Die einzige Interaktionsmöglichkeit: Ein Knopf, mit dem man sich selbst einen schmerzhaften Elektroschock versetzen konnte. Das Ergebnis? Ein Großteil entschieden sich lieber dafür, sich selbst Schmerzen zuzufügen, als die Viertelstunde einfach nur mit ihren eigenen Gedanken allein zu sein.

Wir verpassen uns lieber einen Stromschlag, als uns selbst zu begegnen. Lassen Sie das mal kurz wirken.

Warum der Kontakt so gefährlich – und so wichtig – ist

Warum fällt uns das so schwer? Der Kontakt mit sich selbst ist deshalb so angstbesetzt, weil wir dort nicht nur auf unsere Lichtseiten treffen. In der Stille tauchen sie auf: die ungeklärten Fragen, der leise Schmerz, die Unzufriedenheit, die wir so erfolgreich unter einer Schicht aus Instagram-Feeds und Netflix-Serien begraben haben.

Aber genau hier liegt der Schlüssel. Wenn Sie den Kontakt zu sich selbst verlieren, verlieren Sie den Kompass für Ihr Leben. Wer ständig nur im Außen reagiert, verlernt, aus dem Inneren zu agieren. Ohne die Zeit mit sich selbst, wissen Sie irgendwann nicht mehr, ob Ihre Wünsche wirklich Ihre eigenen sind oder nur das Echo einer Welt, die Ihnen ständig sagt, wie Sie zu sein haben.

Ein Experiment für Ihren Tag

Versuchen Sie es doch einmal: Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit. Gehen Sie spazieren – und zwar ohne Kopfhörer und ohne Ziel. Lassen Sie am besten das Handy ganz zu Hause. Nur so entkommen Sie der Versuchung, „mal eben kurz“ nachzuschauen, was die Welt von Ihnen will oder wem Sie noch antworten müssen.

Halten Sie die Leere aus. Beobachten Sie, wie Ihr Geist bereits nach kürzester Zeit rebelliert, wie er nach Ablenkung schreit, wie er Ihnen einreden will, dass das hier „Zeitverschwendung“ sei. Doch wenn Sie dranbleiben, passiert etwas Magisches: Die Gedanken ordnen sich, der Puls sinkt, und Sie fangen an, sich selbst wieder zuzuhören.

Sich selbst wieder spüren zu lernen, ist keine Wellness-Übung. Es ist die Basis für psychische Gesundheit. Erst wenn wir uns selbst wieder aushalten, können wir auch im Außen wirklich präsent sein – in unseren Beziehungen, in unserem Job und in unserem Leben.

Trauen Sie sich, die wichtigste Verabredung des Tages wahrzunehmen: Die mit sich selbst. Ganz ohne Filter. Ganz ohne Elektroschocks.

 

Liebe Leserinnen und Leser,

oft suchen wir im Außen nach Lösungen, die wir nur im Innen finden können. Ich möchte Sie ermutigen, die Stille nicht als Leere, sondern als Raum für sich selbst zu begreifen. Wann trauen Sie sich heute das erste Mal, einfach nur „da“ zu sein?

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor