Es war ein SWR-Beitrag über das Einsiedlerleben, der mich zu Bruder Otto führte. Die Bilder seiner schlichten Klause in Wolfach im Schwarzwald, seine ruhigen Worte über die Kraft der Stille – sie berührten etwas Tiefes in mir. Spontan fasste ich den Entschluss, ihn aufzusuchen. Ich sehnte mich nach einem persönlichen Gespräch mit diesem weisen Mann, nach einem Austausch über die Geheimnisse der inneren Ruhe, die aus ihm zu sprechen schienen.

Einsidelei Wolfach

Die Radtour nach Wolfach und hoch in den Wald zur Jakobuskapelle unternahm ich mit einem Herzen voller Vorfreude und Fragen. Doch vor Ort erfuhr ich, dass Bruder Otto bereits verstorben war. Diese Nachricht traf mich wie ein sanfter Schlag – nicht nur die Trauer über seinen Tod, sondern auch die Erkenntnis, dass manche Begegnungen nur noch in der Stille unseres Herzens stattfinden können. Vielleicht war dies selbst eine Lektion in Demut: die Akzeptanz dessen, was nicht mehr möglich ist, und die Dankbarkeit für das, was bereits geschenkt wurde.

Erst im Anschluss an diese berührende Erfahrung kaufte ich sein Buch „Mein Leben als Eremit“. Seine Worte über die stille Kraft der Demut bewegten mich so sehr, dass ich sie noch Tage später in mir nachwirken spürte. Seine Beschreibung des Lebens in der Einsamkeit, fernab der Ablenkungen unserer hektischen Welt, offenbarte mir eine Wahrheit, die ich in meiner Praxis immer wieder beobachte: Erst wenn wir lernen, unser Ego sanft zur Seite zu stellen, können wir wirklich zu uns selbst finden.

 

Die paradoxe Stärke der Demut

Demut wird oft missverstanden als eine Form der Schwäche oder Selbstverkleinerung. Doch wahre Demut ist das Gegenteil – sie ist eine tiefe Stärke, die aus der Erkenntnis der eigenen Begrenztheit erwächst. Bruder Otto beschreibt in seinem Buch, wie die Jahre der Stille ihn lehrten, dass wahre Größe nicht im Haben, sondern im Sein liegt. Nicht in der Beherrschung der Außenwelt, sondern in der liebevollen Annahme dessen, was ist.

In meiner Beratungspraxis erlebe ich immer wieder, wie Menschen unter dem Gewicht ihrer eigenen Erwartungen und dem Druck der Perfektion leiden. Sie kämpfen gegen ihre Unzulänglichkeiten, anstatt sie als Teil ihrer menschlichen Erfahrung anzunehmen. Hier zeigt sich die heilende Kraft der Demut: Sie erlaubt uns, unsere Masken fallen zu lassen und authentisch zu sein.

 

Der innere Dialog mit der Bescheidenheit

Demut beginnt mit einem ehrlichen Blick nach innen. Es ist die Bereitschaft, unsere Konditionierungen und automatischen Reaktionsmuster bewusst wahrzunehmen, ohne sie sofort verändern zu wollen. Wie Bruder Otto in der Stille seiner Klause erkannte, liegt in der schlichten Beobachtung ohne Urteil eine transformative Kraft.

In der Begleitung bemerke ich, dass Menschen oft erst dann wirkliche Veränderung erfahren, wenn sie aufhören, gegen sich selbst zu kämpfen. Demut schafft den Raum für Selbstmitgefühl – jenen sanften Blick auf die eigenen Schwächen, der Heilung ermöglicht, wo Selbstkritik nur weitere Wunden schlägt.

 

Die Kunst des Loslassens

Bruder Ottos Erzählungen vom eremitischen Leben zeigen eindrucksvoll, wie Verzicht zu innerem Reichtum werden kann. Nicht durch Askese um ihrer selbst willen, sondern durch das bewusste Loslassen dessen, was uns von unserem wahren Kern trennt. Demut lehrt uns, dass wir nicht alles kontrollieren müssen, um glücklich zu sein.

In meinen Gesprächen mit Ratsuchenden wird oft deutlich, wie sehr wir alle an der Illusion der Kontrolle festhalten. Wir glauben, wenn wir nur hart genug arbeiten, perfekt genug sind oder die richtigen Strategien anwenden, können wir das Leben nach unseren Vorstellungen formen. Demut lädt uns ein, diese anstrengende Haltung zu hinterfragen und zu entdecken, dass wahre Sicherheit nicht in der Kontrolle liegt, sondern im Vertrauen – in das Leben, in unsere innere Weisheit, in den Prozess des Werdens.

 

Demut als Brücke zur Verbindung

Was mich besonders an Bruder Ottos Reflexionen bewegt, ist seine Erkenntnis, dass Einsamkeit nicht Isolation bedeuten muss. Im Gegenteil: Erst als er lernte, mit sich selbst allein zu sein, konnte er wirklich mit anderen in Verbindung treten. Demut öffnet unser Herz für authentische Begegnungen, weil sie uns von der Last befreit, jemand anderes sein zu müssen, als wir sind.

Bei meiner Arbeit zeigt sich diese Wahrheit immer wieder: Menschen, die sich selbst mit Güte begegnen können, sind auch fähig zu tieferer Empathie und Verbindung mit anderen. Demut durchbricht die Mauern des Egos und schafft Raum für echte Intimität – mit uns selbst und mit anderen.

 

Praktische Wege zur Kultivierung der Demut

Demut ist keine Eigenschaft, die wir uns einmal aneignen und dann besitzen. Sie ist ein lebendiger Prozess, eine tägliche Einladung zur Selbstreflexion. In meiner Beratungspraxis haben sich einige Ansätze als besonders hilfreich erwiesen:

Das achtsame Beobachten der eigenen Reaktionen, ohne sie sofort bewerten oder ändern zu wollen. Die Kultivierung von Dankbarkeit für das, was bereits da ist, anstatt ständig nach dem zu streben, was fehlt. Die Bereitschaft, Fehler als Lernmöglichkeiten zu betrachten statt als Versagen. Und nicht zuletzt die Praxis des inneren Dialogs mit Mitgefühl – jene sanfte Stimme zu entwickeln, die uns durch schwierige Zeiten begleitet.

 

Die Stille als Lehrmeisterin

Bruder Ottos Weg in die Einsamkeit mag nicht für jeden der richtige sein, doch seine zentrale Botschaft ist universal: In der Stille finden wir zu uns selbst. Nicht die Stille der Leere, sondern jene lebendige Stille, in der wir unsere tiefsten Wahrheiten hören können.

Demut lehrt uns, diese innere Stille zu schätzen – nicht als Flucht vor der Welt, sondern als Rückkehr zu unserem authentischen Selbst. Sie erinnert uns daran, dass wir bereits vollständig sind, nicht trotz unserer Unvollkommenheiten, sondern mit ihnen.

 

Ein Weg ohne Ziel

Vielleicht ist das das Schönste an der Demut: Sie hat kein Ziel im herkömmlichen Sinne. Sie ist nicht ein Zustand, den wir erreichen, sondern eine Haltung, die wir kultivieren. Ein Weg, der sich im Gehen offenbart, eine Wahrheit, die sich nur in der Stille zeigt.

Bruder Ottos „Mein Leben als Eremit“ hat mir wieder einmal vor Augen geführt, dass die wertvollsten Erkenntnisse oft in der Einfachheit liegen. In der Bereitschaft, klein zu sein in einem großen Kosmos. In der Demut, nicht alles wissen oder verstehen zu müssen. In der Weisheit, dass wahre Stärke manchmal im Schweigen liegt.

Liebe Leserinnen und Leser,

so lade ich Sie ein, Ihre eigenen Momente der Stille zu finden. Nicht um der Welt zu entfliehen, sondern um zu sich selbst zurückzukehren. Demut wartet nicht auf morgen – sie ist in jedem Atemzug verfügbar, in jedem Moment der bewussten Präsenz, in jedem sanften Lächeln, das wir unseren eigenen Unzulänglichkeiten schenken.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor