Es ist ein Phänomen, das mir in der Onlineberatung immer wieder begegnet: Klient*innen, die mit einer tiefen, fast schon körperlichen Erschöpfung in die Sitzung kommen, nachdem sie ein Wochenende bei der Familie verbracht haben. Es ist nicht die Erschöpfung nach einem Streit, sondern die nach einem Wochenende voller Maskeraden. Man sitzt zusammen, man isst gemeinsam, man tauscht Belanglosigkeiten aus – und doch kehrt man mit dem Gefühl nach Hause zurück, innerlich leerer zu sein als zuvor.
Warum ist das so? Warum führt Familie im Erwachsenenalter oft nicht mehr zu nachhaltig nährender Zeit, sondern zu einer bleiernen Einsamkeit am gedeckten Tisch?
Die Fassade der Harmonie: Warum Tiefe fehlt
Der Hauptgrund für diese Distanz trotz räumlicher Nähe ist oft ein Mangel an echter Begegnung. Wir haben über Jahrzehnte gelernt, in der Familie Rollen zu spielen. Die Eltern bleiben in der beratenden, behütenden oder gar kontrollierenden Instanz; die Kinder – selbst wenn sie längst eigene Firmen leiten oder Familien gegründet haben – schlüpfen beim Betreten des Elternhauses automatisch in die Rolle des Kindes zurück.
Echte Gemeinsamkeit entsteht jedoch nur durch Verletzlichkeit.
Wenn wir uns gegenseitig nur die „polierte Version“ unseres Lebens präsentieren, bleibt die Beziehung an der Oberfläche. Wenn Eltern nicht zugeben können, dass sie im Alter Angst haben oder sich einsam fühlen, und wenn Kinder nicht ehrlich über ihr Scheitern oder ihre wahren Bedürfnisse sprechen, dann bleibt kein Raum für echte Verbindung. Man schützt sich gegenseitig vor der Wahrheit – und verliert sich dabei aus den Augen.
Der Elefant im Raum: Die fehlende Lust am Zusammensein
Ein Tabuthema, das ich in der Beratung immer wieder vorsichtig öffne, ist die Frage der Freiwilligkeit. Wir leben in einer Gesellschaft, die das Konstrukt „Familie“ über fast alles andere stellt. „Blut ist dicker als Wasser“ oder „Familie ist das Wichtigste“ sind Sätze, die wie ungeschriebene Gesetze über uns schweben.
Doch die Wahrheit ist: Man kann sich seine Eltern und seine Kinder nicht aussuchen.
Es ist psychologisch vollkommen legitim, festzustellen, dass man schlichtweg keine Lust auf die gemeinsame Zeit hat. Vielleicht gibt es keine gemeinsamen Werte mehr, vielleicht sind die Verletzungen der Vergangenheit zu tief, oder vielleicht ist man sich als Charaktere einfach fremd geworden. Das zuzugeben, fühlt sich oft wie ein Verrat an, ist aber oft nur eine ehrliche Bestandsaufnahme. Wenn die Basis für eine Freundschaft nicht da wäre, würde man mit dieser Person keine Zeit verbringen – warum sollte das bei Verwandten automatisch anders sein?
Der unrealistische Druck der „heiligen Familie“
Der gesellschaftliche Druck, eine funktionierende, liebevolle Familie präsentieren zu müssen, erzeugt eine enorme psychische Last. Dieser Druck führt dazu, dass wir uns zu Besuchen zwingen, die uns nicht guttun. Wir halten an einer Illusion fest, statt die Realität zu akzeptieren.
Es ist okay, wenn die gemeinsame Zeit nicht nachhaltig ist. Es ist okay, wenn Sie sich entscheiden, den Kontakt zu reduzieren, weil die Treffen mehr Kraft rauben, als sie geben. Wahre Reife im Erwachsenenalter bedeutet auch, die eigenen Grenzen gegenüber der Herkunftsfamilie zu wahren und sich einzugestehen: „Wir sind verwandt, aber wir erreichen uns nicht.“
Ehrlichkeit als einziger Ausweg
Wenn man die Beziehung retten will, führt der Weg nur über radikale Ehrlichkeit. Das bedeutet, das Risiko einzugehen, die Fassade einzureißen. Es bedeutet zu sagen: „Ich möchte nicht mehr über das Wetter reden, ich möchte wissen, wie es dir wirklich geht.“ Oder auch: „Ich merke, dass mir unsere Treffen gerade nicht guttun, weil wir nicht ehrlich miteinander sind.“
Nur wo Masken fallen, kann Nähe entstehen. Und wenn die Ehrlichkeit ergibt, dass keine gemeinsame Basis (mehr) da ist, dann ist auch das eine Erkenntnis, die befreien kann.
Liebe Leserinnen und Leser,
wie viel „Müssen“ steckt in Ihren Familienbesuchen? Haben Sie schon einmal gewagt, die Maske abzunehmen und ehrlich zu sagen, wie es Ihnen mit der gemeinsamen Zeit geht? Ich begleite Sie gerne dabei, diese schwierigen Dynamiken in der Beratung zu entwirren und Ihren eigenen Weg zwischen Loyalität und Selbstfürsorge zu finden.
