In meiner Onlineberatung erlebe ich oft einen seltsamen Widerspruch: Wir sind vernetzter als je zuvor, und doch fühlen sich viele Menschen heute einsamer als frühere Generationen. Wenn ich mit meinen Klient*innen über ihr Stresslevel spreche, landen wir fast immer bei diesem kleinen Gerät in der Hosentasche.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Sie fast reflexartig zum Smartphone greifen, sobald eine Sekunde Leerlauf entsteht?

Die Sucht nach dem „Ping“

Unser Gehirn spielt uns da einen Streich. Jedes Mal, wenn das Display aufleuchtet oder ein „Ping“ eine neue Nachricht verkündet, schüttet unser Belohnungssystem Dopamin aus. Es ist dieser kurze Moment der Erwartung: „Wer schreibt mir? Wer denkt an mich?“ Dieses Glückshormon ist tückisch. Es geht dabei gar nicht um den Inhalt der Nachricht, sondern um den Kick des Wartens und Empfangens. Wir werden zu Jägern und Sammlern von Aufmerksamkeit. Doch das Problem ist: Dopamin sorgt für Antrieb, nicht für echte Erfüllung. Es ist wie Fast Food für die Seele – es macht kurz satt, aber nicht glücklich.

Einsamkeit trotz „Double-Check“

Und hier liegt der Kern der modernen Einsamkeit. Wir verwechseln digitale Interaktion mit echter Verbindung. In den Beratungsgesprächen spüre ich oft, dass hinter dem zwanghaften Blick auf das Handy eine tiefe Sehnsucht steckt: Die Sehnsucht, gesehen zu werden.

Doch eine WhatsApp-Nachricht kann einen Blick, ein gemeinsames Schweigen oder das Gefühl echter Präsenz nicht ersetzen. Wenn wir nur noch auf den nächsten Dopamin-Schub warten, verlieren wir die Fähigkeit, die Stille mit uns selbst auszuhalten. Wir fühlen uns einsam, sobald das Display schwarz bleibt – weil wir verlernt haben, uns selbst genug zu sein.

Den Kreislauf durchbrechen

Wie kommen wir da raus? Es geht nicht darum, die Technik zu verteufeln – ich arbeite ja selbst leidenschaftlich gerne online. Es geht darum, die Regie zurückzugewinnen:

  • Dopamin-Fasten: Gönnen Sie Ihrem Gehirn bewusste Pausen vom Belohnungsreiz. Legen Sie das Handy in einen anderen Raum.
  • Qualität vor Quantität: Eine tiefe, echte Verbindung (auch in einer Online-Sitzung!) nährt uns mehr als hundert flüchtige Likes.
  • Achtsamkeit beim Warten: Wenn Sie das nächste Mal auf eine Nachricht warten und die Unruhe spüren: Atmen Sie tief durch. Spüren Sie die Einsamkeit kurz nach, ohne sie sofort mit einem Klick zu betäuben.

Liebe Leserinnen und Leser,

echte Verbundenheit entsteht nicht durch die Frequenz unserer Nachrichten, sondern durch die Tiefe unserer Aufmerksamkeit. Gönnen Sie Ihrem Gehirn eine Pause vom Dopamin-Rausch und schauen Sie stattdessen mal wieder in den analogen Himmel – dort gibt es keine Benachrichtigungen, aber eine Menge Raum zum Atmen.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor