Es ist ein nebliger Dienstagmorgen, der Kaffee dampft in der Tasse, die To-do-Liste ist geschrieben – eigentlich ein ganz normaler Start in den Tag. Doch plötzlich ist sie da: eine bleierne Schwere, die nichts mit Müdigkeit zu tun hat. Es ist das Gefühl, dass alles, was man tut, irgendwie „leer“ ist. Als würde man in einem Film mitspielen, dessen Drehbuch man nicht versteht und dessen Sinn sich einem völlig entzieht.
In meiner Onlineberatung begegnen mir viele Menschen, die genau diesen Zustand beschreiben. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, nannte dieses Phänomen das existenzielle Vakuum. Es beschreibt einen Zustand, in dem der Mensch keine Ziele oder Werte mehr sieht, die es wert wären, verfolgt zu werden.
Das „Wofür“ in einer Welt voller Möglichkeiten
Warum leiden wir heute so oft unter dieser inneren Leere? Früher gaben Traditionen, feste soziale Strukturen und klare religiöse Vorgaben den Rahmen vor. Heute haben wir die Freiheit, fast alles zu sein und zu tun – doch genau diese Freiheit wird oft zur Last. Wenn wir keine inneren Kompassnadeln mehr haben, die uns die Richtung weisen, landen wir im Leerlauf.
In meinen Sitzungen erlebe ich oft, dass Klient*innen versuchen, dieses Vakuum zu übertönen. Das geschieht meist durch:
- Hyperaktivismus: Ein überfüllter Terminkalender,um bloß keinen Moment der Stille aufkommen zu lassen.
- Soziales Rauschen: Ständige Verabredungen und oberflächliche Kontakte, die eher der Flucht vor dem Alleinsein dienen als echter Begegnung.
- Konsum: Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, um kurzfristige Befriedigung zu spüren.
- Ablenkung: Der endlose Scroll durch soziale Medien, um das Schweigen der inneren Stimme nicht hören zu müssen.
Doch das Vakuum lässt sich nicht von außen füllen. Es ist keine Lücke, die man mit „Mehr“ stopfen kann, sondern ein Raum, der nach Tiefe verlangt.
Vom Reagieren zum Antworten
Der Weg aus der Sinnlosigkeit führt oft über die Erkenntnis, dass wir nicht die Opfer unserer Umstände sind. Auch wenn sich alles leer anfühlt, besitzen wir eine fundamentale Freiheit. Wie ich bereits in meinem Beitrag über den Raum zwischen Reiz und Reaktion beschrieben habe, liegt genau dort unsere Macht: Wir können wählen, wie wir auf dieses Gefühl der Leere antworten.
Sinn wird nicht „gemacht“, er wird „gefunden“. Er versteckt sich oft in den kleinen Momenten der Selbsttranszendenz – also dann, wenn wir über uns selbst hinauswachsen und uns einer Sache oder einem Menschen widmen, der uns wichtig ist.
Wie Sie den ersten Schritt aus der Leere wagen
Wenn das existenzielle Vakuum an Ihre Tür klopft, versuchen Sie, es nicht sofort wegzudrücken. Stellen Sie sich stattdessen drei kleine Fragen:
- Was würde ich heute tun, wenn niemand zusehen und mich niemand bewerten würde?
- Für wen oder was könnte ich heute einen kleinen Unterschied machen?
- Welcher Wert (z. B. Ehrlichkeit, Mitgefühl, Kreativität) ist mir heute wichtiger als mein Komfort?
Sinn ist kein Ziel, das man einmal erreicht und dann besitzt. Es ist ein Prozess, ein tägliches Neu-Ausrichten der inneren Kompassnadel.
Liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht spüren auch Sie manchmal diesen kalten Zugwind der Sinnlosigkeit in Ihrem Alltag. Ich möchte Sie ermutigen, dieses Gefühl nicht als Feind zu betrachten, sondern als ein Signal Ihrer Seele, das Sie daran erinnert, dass Sie zu mehr fähig sind, als nur zu funktionieren.
