Du musst es einfach akzeptieren. Wie oft haben Sie diesen Satz schon gehört? Vielleicht von wohlmeinenden Freunden, aus Ratgebern oder sogar von mir in einer unserer Sitzungen. Und ich weiß: In dem Moment fühlt sich dieser Rat oft wie ein Schlag ins Gesicht an. Es klingt nach Aufgeben, nach passiver Niederlage oder – noch schlimmer – danach, etwas gutheißen zu müssen, das sich eigentlich schrecklich anfühlt.

In meiner täglichen Arbeit als Berater erlebe ich, dass Akzeptanz eines der am meisten missverstandenen Konzepte der Psychologie ist. Viele Klient*innen befürchten, dass Akzeptanz bedeutet, die weiße Fahne zu schwenken und sich dem Schicksal kampflos zu ergeben. Doch das Gegenteil ist der Fall. Akzeptanz ist ein aktiver, mutiger und oft anstrengender Prozess. Sie ist die Entscheidung, die Realität so anzuerkennen, wie sie im Moment ist – ohne sie sofort verändern, beschönigen oder wegwünschen zu wollen.

Warum wir uns so heftig wehren

Unser Gehirn ist eine hocheffiziente Problemlösungsmaschine. Wenn uns etwas wehtut – eine schmerzhafte Trennung, eine berufliche Sackgasse oder eine verpasste Chance –, schlägt das interne Alarmsystem an. Wir gehen in den Widerstand. Dieser Widerstand äußert sich oft im Grübeln: „Hätte ich doch nur anders reagiert…“, „Warum passiert das immer mir?“ oder „Das darf einfach nicht wahr sein!“

Psychologisch gesehen erzeugen wir dadurch ein „Zweitleid“. Das „Erstleid“ ist der eigentliche Schmerz (z.B. der Verlust). Das „Zweitleid“ ist der Stress, den wir uns selbst machen, weil wir nicht wahrhaben wollen, was passiert ist. Dieser Widerstand ist wie das Treten im Wasser: Wir verbrauchen unglaublich viel Kraft, um nicht unterzugehen, aber wir bewegen uns keinen Meter vorwärts. Die Erschöpfung, die viele Menschen in die Beratung führt, rührt oft genau daher: vom langen, kräftezehrenden Kampf gegen Tatsachen, die bereits geschehen sind.

Die drei Säulen der Akzeptanz

In der Onlineberatung erarbeiten wir oft Schritte, wie man diesen inneren Kampf beenden kann. Akzeptanz ist kein Schalter, den man umlegt, sondern eher ein Muskel, den man trainiert.

  1. Das Benennen (Naming): Akzeptanz beginnt im Kopf. Es hilft, die Fakten ganz nüchtern auszusprechen: „Die Situation ist jetzt so. Ich habe diesen Fehler gemacht. Diese Person hat sich gegen mich entschieden.“ Damit nehmen wir der Situation das Mythische, das Bedrohliche. Wir holen sie zurück auf den Boden der Tatsachen.
  2. Das Fühlen (Feeling): Der schwierigste Teil ist, das Gefühl zuzulassen, das mit der Realität einhergeht. Wenn wir aufhören zu kämpfen, kommt oft erst einmal Trauer, Wut oder Angst hoch. In der Beratung schaffen wir einen sicheren Raum, um genau dieses Unbehagen auszuhalten, statt es mit Aktivismus zu betäuben.
  3. Die radikale Erlaubnis: Es geht darum, sich innerlich zu sagen: „Auch wenn ich diese Situation nicht gewollt habe und sie mir nicht gefällt, erlaube ich diesem Moment, so zu sein, wie er ist.“ Das ist die radikale Akzeptanz. Sie ist das Fundament, auf dem Veränderung erst möglich wird.

Der Raum, der nach dem „Ja“ entsteht

Das Paradoxe an der Akzeptanz ist: Erst wenn wir aufhören, gegen die Wellen zu schlagen, werden unsere Hände frei. Solange wir die Realität leugnen, sind wir blockiert. In dem Moment, in dem wir sagen: „Okay, das ist meine Startposition“, gewinnen wir unsere Handlungsfähigkeit zurück.

Jetzt können wir uns fragen: „Was brauche ich jetzt in diesem Augenblick, um mit dieser Realität umzugehen?“ Akzeptanz ist nicht das Ende des Weges, sondern der Startschuss. Es ist der Moment, in dem die innere Landkarte wieder mit der tatsächlichen Umgebung übereinstimmt. Erst jetzt können wir den nächsten Schritt planen, der uns wirklich weiterbringt.

 

Liebe Leserinnen und Leser,

vielleicht gibt es auch in Ihrem Leben gerade ein Thema, das sich sperrt, eine Wahrheit, die Sie am liebsten weit wegdrängen würden. Ich möchte Sie ermutigen: Versuchen Sie heute einmal, nur für einen kurzen Augenblick, den Widerstand sinken zu lassen. Atmen Sie tief durch und gestehen Sie sich ein, was gerade ist. Nicht, weil die Situation gut ist, sondern weil Sie es wert sind, Ihre wertvolle Energie für die Gestaltung Ihrer Zukunft einzusetzen, statt sie im Kampf gegen die Vergangenheit zu verlieren. Wenn Sie dabei Begleitung suchen, unterstütze ich Sie gerne dabei, Ihren ganz persönlichen Weg zur Akzeptanz zu finden.

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor