Vielleicht erinnern Sie sich an meinen Beitrag „Achtsamkeit im Alltag“, in dem ich darüber schrieb, wie wir durch kleine Pausen und bewusste Wahrnehmung mehr Ruhe in unser Leben bringen können. Damals ging es vor allem um das „Wie“ – um die praktischen Schritte. Doch in meiner täglichen Arbeit als Berater begegnet mir immer wieder eine noch grundlegendere Frage: Warum eigentlich das Ganze? Warum ist Achtsamkeit nicht bloß ein nettes „Extra“ für entspannte Sonntage, sondern die absolute Basis für ein selbstbestimmtes Leben?
Wenn ich mit Klientinnen und Klienten in der Beratung arbeite, stelle ich oft fest, dass wir uns meist in zwei Zuständen befinden: Entweder wir hängen in der Vergangenheit fest – wir wälzen alte Konflikte, fühlen Reue oder verfangen uns im „Hätte ich doch nur…“. Oder wir rasen gedanklich in die Zukunft, sind bei Sorgen, Planungen und dem endlosen „Was wäre wenn…“. Das Hier und Jetzt? Das findet oft ohne uns statt, während wir physisch zwar anwesend, aber mental meilenweit entfernt sind.
Der Autopilot als Sackgasse
Wir verbringen einen Großteil unseres Lebens auf „Autopilot“. Das ist evolutionär durchaus sinnvoll, damit wir alltägliche Abläufe effizient bewältigen können. Das Problem ist nur: Dieser Autopilot übernimmt oft auch dann das Steuer, wenn es um unsere Emotionen, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und unsere inneren Überzeugungen geht.
Wir reagieren vielleicht immer wieder gereizt auf bestimmte Sätze des Partners, wir flüchten bei Stress reflexartig in die digitale Ablenkung oder wir bewerten uns selbst für kleinste Fehler gnadenlos ab – alles, ohne es in dem Moment wirklich bewusst zu registrieren. Wir agieren aus alten Mustern heraus, die wir uns irgendwann einmal angeeignet haben, die uns heute aber oft eher im Weg stehen.
Die Lücke zwischen Reiz und Reaktion
Achtsamkeit ist das Werkzeug, das uns aus diesem Automatismus herausholt. Der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl hat es treffend formuliert: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit und die Möglichkeit, unsere Antwort zu wählen.
Ohne Achtsamkeit ist dieser Raum winzig. Ein Reiz trifft uns (ein Vorwurf, eine Deadline, ein unangenehmes Gefühl) und wir reagieren sofort – oft auf eine Weise, die wir später bereuen. Achtsamkeit hilft uns, diesen Raum zu vergrößern. Sie erlaubt uns, einen Schritt zurückzutreten und zu beobachten: „Ah, da ist gerade dieser Druck in der Brust“ oder „Interessant, jetzt meldet sich wieder mein innerer Kritiker“. In diesem Moment der Beobachtung gewinnen wir die Regie über unser Handeln zurück. Wir werden vom bloß Reagierenden zum bewusst Agierenden.
Warum es kein „Vorbei“ gibt
In der Onlineberatung werde ich oft gefragt, ob man persönliche Veränderungen nicht auch „einfach so“ durch logisches Nachdenken herbeiführen kann. Meine Erfahrung zeigt: Rein kognitives Verstehen reicht nicht aus. Denn egal, welches Thema wir betrachten – ob es um Selbstwert, Entscheidungskonflikte oder die Gestaltung von Beziehungen geht: Der erste Schritt ist immer das wertfreie Bemerken.
Ich muss bemerken, wie ich mich gerade selbst unter Druck setze, bevor ich den Druck loslassen kann. Ich muss wahrnehmen, wie sich Widerstand in mir regt, bevor ich mich für neue Wege öffnen kann. Achtsamkeit ist die Voraussetzung dafür, die eigenen inneren Prozesse überhaupt erst einmal zu verstehen.
Es führt kein Weg an ihr vorbei, weil sie die Brücke zu uns selbst schlägt. Ohne diese bewusste Verbindung navigieren wir wie in einem Nebel durch unser Leben. Wir spüren zwar, dass etwas nicht stimmt, finden aber den Hebel zur Veränderung nicht, weil wir nicht gelernt haben, genau hinzusehen, was im aktuellen Moment eigentlich passiert.
Den ersten Schritt wagen
Achtsamkeit bedeutet nicht, dass wir ab sofort alles gut finden müssen, was geschieht. Es bedeutet, dass wir bereit sind, dem Leben so zu begegnen, wie es sich gerade zeigt – ohne es sofort zu bewerten oder wegzudrücken. Das erfordert Übung, aber keine Perfektion.
Es beginnt mit der Entscheidung, in diesem einen Moment – jetzt gerade, während Sie diese Zeilen lesen – kurz innezuhaten. Wie fühlen sich Ihre Hände an? Welche Geräusche nehmen Sie in Ihrer Umgebung wahr?
Willkommen zurück im gegenwärtigen Augenblick. Es ist der einzige Ort, an dem wir unser Leben aktiv gestalten können.
Liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht konnten Sie beim Lesen dieses Textes bereits einen kurzen Moment des Innehaltens erleben. Achtsamkeit ist kein Ziel, das man irgendwann „erreicht“, sondern ein Weg, den wir jeden Tag neu einschlagen können. In meiner Onlineberatung unterstütze ich Sie gerne dabei, diesen Raum zwischen Reiz und Reaktion in Ihrem individuellen Alltag zu entdecken und für Ihre persönliche Entwicklung zu nutzen.
