Kennen Sie diesen Moment, in dem der Verstand längst das „Go“ gegeben hat, das Herz aber immer noch auf der Bremse steht? Wir wissen ganz genau: Diese alte Geschichte ist auserzählt. Dieser Groll vergiftet nur uns selbst. Diese Sorge um die Zukunft ändert rein gar nichts. Wir haben die klugen Bücher gelesen, wir haben das Konzept verstanden – und trotzdem fühlen wir uns, als würden wir versuchen, eine Faust zu ballen, während uns jemand zuruft, wir sollen doch bitte die Hand öffnen.
In der Onlineberatung ist das „Wie“ des Loslassens die wohl am häufigsten gestellte Frage. Denn das Problem ist selten mangelnde Einsicht. Das Problem ist, dass wir versuchen, Loslassen wie ein Projekt zu managen.
Das Missverständnis vom „Machen“
Der größte Stolperstein ist der Versuch, Loslassen aktiv tun zu wollen. In einer Welt, die auf Optimierung und „Anpacken“ programmiert ist, suchen wir instinktiv nach einer Methode, einer Technik oder einer Anstrengung, die das Loslassen bewirkt.
Doch genau hier liegt die Paradoxie: Loslassen ist kein Akt des Wollens, sondern ein Akt des Nachlassens. Wenn Sie versuchen, etwas aktiv „loszulassen“, halten Sie sich im Grunde immer noch intensiv damit beschäftigt. Sie kämpfen gegen den Gedanken oder das Gefühl an. Und wie ich in meinen Sitzungen oft betone: Alles, wogegen wir Widerstand leisten, füttern wir mit unserer Energie.
Wie geht es also „richtig“?
Wenn es nicht durch „Wollen“ funktioniert, wie dann? Loslassen hat weniger mit der Hand zu tun, die sich öffnet, sondern mit dem Arm, der aufhört zu ziehen.
1. Den Widerstand spüren, statt ihn zu bekämpfen
Der erste Schritt ist oft der schwerste: Akzeptieren Sie, dass Sie gerade nicht loslassen können. Wenn wir uns dafür verurteilen, dass wir immer noch an etwas hängen, erzeugen wir eine zweite Schicht von Leid. Sagen Sie stattdessen: „Ja, ich halte gerade noch fest. Und das ist okay.“ In dem Moment, in dem der Kampf gegen das Festhalten aufhört, entsteht der erste Raum zum Atmen.
2. Vom Kopf in den Körper
Wir versuchen meist, das Loslassen im Kopf zu lösen. Aber der Kopf ist ein Kontrollorgan – er lässt nicht gerne los. Das Loslassen findet im Nervensystem statt. Wo spüren Sie das Festhalten? Ist es ein Druck in der Brust? Eine Enge im Hals? Atmen Sie dort hinein, ohne die Enge weghaben zu wollen. Loslassen beginnt damit, die körperliche Empfindung des Festhaltens zuzulassen, statt sie wegzudiskutieren.
3. Das „Tauziehen“ beenden
Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem Abgrund und halten ein Seil fest, an dessen anderem Ende ein „Monster“ (Ihre Sorge, Ihr Ex-Partner, Ihr Fehler) zieht. Die meisten Menschen glauben, sie müssten das Monster besiegen oder über den Rand ziehen. Das ist erschöpfend.
Loslassen bedeutet nicht, dass das Monster verschwindet. Es bedeutet lediglich, das Seil fallen zu lassen. Das Monster steht vielleicht immer noch da, aber es hat keine Kraft mehr über Sie, weil die mechanische Verbindung unterbrochen ist.
4. Dem Schmerz die Erlaubnis geben, zu bleiben
Oft halten wir fest, weil wir Angst haben, dass der Schmerz uns überflutet, wenn wir den Schutzwall des Grübelns aufgeben. „Richtiges“ Loslassen bedeutet, dem Schmerz oder der Trauer einen Stuhl anzubieten. Wenn wir aufhören, die Tür mit aller Kraft zuzudrücken, damit der Schmerz nicht hereinkommt, sparen wir genau die Energie, die wir für das Heilen brauchen.
Die Freiheit im Nachlassen
Echtes Loslassen fühlt sich meist gar nicht wie ein heroischer Sieg an. Es ist eher ein leises Seufzen. Ein Moment, in dem wir merken: „Ich muss das alles gar nicht mehr halten.“ Es ist das Vertrauen darauf, dass wir nicht ins Bodenlose fallen, wenn wir die Kontrolle aufgeben.
In der Onlineberatung arbeiten wir gemeinsam daran, diese Momente des Nachlassens zu identifizieren und den Raum zwischen dem Reiz und der automatischen Reaktion zu vergrößern. Es ist ein Prozess des Weichwerdens, kein Akt der Gewalt.
Liebe Leserinnen und Leser,
wo in Ihrem Leben halten Sie gerade noch ein Seil fest, das Ihnen eigentlich schon lange die Hände wundscheuert? Vielleicht ist heute der Tag, an dem Sie nicht versuchen, etwas zu „erledigen“, sondern einfach nur ein kleines bisschen weniger ziehen. Das genügt für den Anfang.
