In meinen Online-Sitzungen begegne ich oft Menschen, die eine erstaunliche, fast schmerzhafte Disziplin darin entwickelt haben, ihr eigener strengster Richter zu sein. Es ist dieser ununterbrochene innere Kommentar, der jeden vermeintlichen Fehler seziert, jedes Zögern als Schwäche brandmarkt und jedes unliebsame Gefühl am liebsten sofort im Keim ersticken möchte. Wir tragen ein Idealbild in uns, wie wir zu sein hätten – meist optimiert, stets belastbar und emotional stabil. Doch was passiert, wenn die Realität dieses Bild nicht bedient? Wir gehen in den Widerstand. Wir glauben fälschlicherweise, dass wir uns nur hart genug verurteilen müssen, um uns zur Besserung zu zwingen.
Der Teufelskreis aus Urteil und Erschöpfung
Dieser innere Krieg gegen Teile der eigenen Persönlichkeit – sei es die Angst vor dem Versagen, eine bleierne Antriebslosigkeit oder soziale Unsicherheit – fordert einen immensen Tribut. Psychologisch betrachtet ist Selbstverurteilung ein Energiefresser ersten Ranges. Wir spalten Anteile von uns ab und bekämpfen sie mit derselben Vehemenz, die wir normalerweise für äußere Bedrohungen reservieren würden.
Das Problem dabei: Dieser Kampf findet in unserem eigenen System statt. Es gibt keinen Sieger, denn egal welche Seite „gewinnt“, wir als Ganzes verlieren immer an Substanz. Diese ständige Abwertung führt fast zwangsläufig in eine Abwärtsspirale. Die Gedanken kreisen unaufhörlich um das Defizit: „Warum schaffe ich das nicht?“, „Was stimmt nicht mit mir?“. Diese Grübelei verbraucht die letzten Reserven an mentaler Energie, was wiederum die Stimmung drückt und oft direkt in eine depressive Erschöpfung mündet. Wir fühlen uns nicht mehr lebendig, sondern wie in einem permanenten, ermüdenden Belagerungszustand mit uns selbst.
Ein nächtlicher Schreckmoment und eine tiefe Erkenntnis
Um dieses Prinzip der Zugehörigkeit zu verdeutlichen, erzähle ich meinen Klient*innen oft eine Begebenheit, die mir selbst vor einiger Zeit widerfahren ist. Es war eine jener Nächte, in denen man plötzlich aus tiefem Schlaf hochschreckt. Ich spürte eine schwere, leblose und eiskalte Last direkt auf meiner Brust. In der Dunkelheit und der ersten Panik des Erwachens fühlte es sich an wie ein Fremdkörper, wie ein Eindringling, der dort absolut nicht hingehörte.
Mein instinktiver Reflex war Abwehr. Mit aller Kraft packte ich dieses schwere, gefühllose „Ding“ und schleuderte es von mir weg. Doch der Schreck wurde noch größer: Das Etwas kam sofort zurück und landete schmerzhaft wieder auf mir. Erst als ich das Licht einschaltete und mein Bewusstsein ganz klar wurde, begriff ich die Situation: Es war mein eigener Arm. Er war im Schlaf so ungünstig abgeklemmt worden, dass er völlig taub und fremd geworden war. Mein Gehirn hatte die Verbindung zu ihm verloren, und so wurde aus einem Teil meines Körpers in meiner Wahrnehmung ein Feind.
Zugehörigkeit lässt sich nicht wegwerfen
Diese kleine nächtliche Episode ist eine perfekte Metapher für unsere psychischen Prozesse. Mein erster Impuls war Gewalt und Ablehnung. Ich wollte das „Hinderliche“ loswerden. Aber die physikalische Realität lehrte mich schnell: Man kann keinen Teil von sich selbst wegwerfen, ohne sich dabei selbst zu verletzen oder zu erschrecken. Der Arm kam zurück, weil er untrennbar mit mir verbunden ist. Er ist Teil meiner Biologie, meiner Existenz.
Stellen Sie sich vor, ich hätte den Rest der Nacht damit verbracht, wütend auf diesen Arm einzuschlagen, weil er so kalt und nutzlos war. Es hätte nichts am Zustand der Taubheit geändert, aber ich hätte mir massiven Schaden zugefügt.
Was der Arm stattdessen brauchte, war das genaue Gegenteil von Härte:
- Er brauchte Wärme, um die Kälte zu vertreiben.
- Er brauchte sanfte Bewegung und Massage, damit das Blut – die Lebensenergie – wieder fließen konnte.
- Er brauchte Geduld, bis die Nervenbahnen wieder Signale sendeten.
Vom Widerstand zur Selbstzuwendung
Wenn wir uns in Phasen der Niedergeschlagenheit oder der Selbstzweifel befinden, reagieren wir oft wie ich in jener Nacht: Wir erschrecken vor uns selbst und wollen den „depressiven Anteil“ oder die „Angst“ einfach wegwerfen. Wir urteilen über uns, als wären wir ein defektes Gerät, das repariert oder entsorgt werden muss. Doch diese Anteile sind wie der eingeschlafene Arm: Sie sind momentan vielleicht taub, schwer und geben uns keine positive Rückmeldung – aber sie gehören zu uns.
Echte Selbstakzeptanz bedeutet nicht, diesen Zustand gutzuheißen oder passiv darin zu verharren. Es bedeutet vielmehr, den Widerstand aufzugeben. Wenn wir aufhören, Energie in das „Wegwerfen“ zu investieren, wird diese Energie frei für die Heilung. Anstatt sich für die eigenen Blockaden zu bestrafen, könnten wir uns fragen: Wie kann ich diesen „kalten“ Teil meines Lebens wieder wärmen? Was braucht meine Seele gerade, damit das Blut – die Freude und die Lebendigkeit – wieder fließen kann?
Ein neuer Umgang mit den inneren Schatten
Der Weg aus dem Gedankenkarussell und der depressiven Stimmung führt oft über die Milde. Wenn wir anerkennen, dass auch unsere schwierigen Seiten ein Recht auf Zugehörigkeit haben, verändert sich die innere Atmosphäre. Wir werden vom harten Richter zum fürsorglichen Begleiter. Das nimmt den Druck vom Kessel und erlaubt es unserem System, sich langsam wieder zu regulieren.
Liebe Leserinnen und Leser,
oft ist der Weg aus der inneren Schwere nicht der Sieg über das Symptom, sondern das liebevolle Annehmen dessen, was gerade da ist. Wenn Sie das nächste Mal spüren, wie die harte innere Stimme ansetzt, um Sie für Ihr So-Sein zu verurteilen, halten Sie kurz inne. Denken Sie an den eingeschlafenen Arm. Schenken Sie sich selbst – gerade in den Momenten, in denen Sie sich „falsch“ fühlen – ein wenig von der Wärme, die Sie einem guten Freund in Not schenken würden.
