In meinen Online-Sitzungen erlebe ich oft einen sehr bezeichnenden Moment: Eine Klient*in loggt sich ein, wirkt sichtlich erschöpft, beginnt aber fast sofort damit, mir eine Liste von vermeintlichen Fortschritten aufzuzählen. „Herr Schwenkkraus, ich meditiere jetzt täglich zehn Minuten, ich tracke akribisch meinen Schlaf und lese jeden Abend ein Kapitel über Resilienz. Aber warum fühle ich mich trotzdem so leer?“
In diesem Moment spüre ich oft den tiefen Wunsch, gemeinsam mit meinem Gegenüber die Pause Taste zu drücken. Ich sehe dann einen Menschen vor mir, der versucht, sich selbst gesund zu „arbeiten“, während die Seele eigentlich nach einer echten Pause schreit.
Die Falle der ständigen Selbstoptimierung
Wir leben in einer Zeit, in der wir unsere Psyche beinahe wie ein Betriebssystem behandeln, das ständig ein neues Update benötigt. Wir „optimieren“ unsere Morgenroutine, unser Zeitmanagement und mittlerweile sogar unsere Entspannung. Doch genau hier liegt der Denkfehler: Ihre Seele ist keine Software, die man fehlerfrei programmieren kann.
Wenn wir versuchen, psychische Gesundheit durch noch mehr Disziplin zu erzwingen, erzeugen wir oft genau den Druck, den wir eigentlich loswerden wollen. Aus echter Selbstfürsorge wird dann unbewusst eine Form von „Selbst-Management“ – und damit eine weitere belastende Aufgabe auf einer ohnehin schon zu langen To-do-Liste.
Wenn Beratung zum Leistungssport wird
Besonders in der Online-Beratung, die so wunderbar flexibel in den Alltag passt, besteht die Gefahr, sie als einen weiteren „Termin zur Effizienzsteigerung“ zu sehen. Doch meine Erfahrung zeigt: Die wirklichen Durchbrüche passieren nicht, wenn wir noch ein Tool hinzufügen, sondern wenn wir den Mut finden, etwas wegzulassen. In meiner Arbeit geht es mir deshalb oft gar nicht darum, „noch etwas obendrauf“ zu packen. Viel öfter geht es um radikale Entlastung.
Was bedeutet echte Entlastung im Alltag?
Entlastung heißt nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen und passiv auf Besserung warten. Es bedeutet vielmehr, die Perspektive zu wechseln und sich selbst mit mehr Milde zu begegnen.
Die Erlaubnis zum Unperfektsein
Es geht darum zu akzeptieren, dass Sie an manchen Tagen einfach nur „funktionieren“ – und dass das völlig in Ordnung ist. Es gibt Phasen, da ist das bloße Bewältigen des Alltags die maximale Leistung. Das verdient Anerkennung, kein schlechtes Gewissen, weil man das Abend-Yoga ausfallen ließ.
Radikale Ehrlichkeit vor der Kamera
Im geschützten, digitalen Raum der Beratung ist Platz für Sätze wie: „Ich kann gerade nicht mehr, und ich will auch nicht mehr ständig an mir arbeiten müssen.“ Diese Kapitulation vor dem eigenen, viel zu hohen Anspruch ist oft der erste Moment echter körperlich spürbarer Entspannung.
Vom Müssen zum Dürfen
Den Fokus wegzulenken von dem, was Sie laut Ratgeber tun sollten, hin zu dem, was Sie in diesem Moment wirklich nährt. Wenn die Achtsamkeits-App Sie stresst, löschen Sie sie. Wenn das Buch über Selbstliebe Sie unter Druck setzt, legen Sie es weg. Echte psychische Stabilität entsteht meist nicht durch das Hinzufügen neuer Gewohnheiten, sondern durch das Weglassen von Erwartungen.
Platz schaffen für das, was wirklich zählt
Wenn wir den Druck der Optimierung loslassen, entsteht plötzlich Platz. Platz für echte Gefühle, für wahre Ruhe und für eine Begegnung mit sich selbst, die nicht an Bedingungen geknüpft ist. Sie müssen nicht erst die „beste Version Ihrer selbst“ werden, um ein Recht auf Wohlbefinden zu haben. Sie dürfen es sich jetzt schon erlauben.
Liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht fühlen auch Sie sich manchmal wie in einem Hamsterrad der Selbstverbesserung gefangen. Ich möchte Sie ermutigen, heute einmal ganz bewusst nichts an sich zu optimieren. Gönnen Sie sich den Luxus, einfach nur da zu sein – mit all Ihren Ecken, Kanten und auch der Erschöpfung, die vielleicht gerade dazugehört.
Wenn Sie spüren, dass der Berg an Erwartungen an sich selbst zu groß wird, bin ich gerne als Ihr Begleiter da. Gemeinsam schauen wir im virtuellen Beratungsraum, was wir von dieser Last getrost beiseitelegen können, damit Sie wieder freier atmen können.
