Kennen Sie das Gefühl, gegen eine unsichtbare Mauer zu drücken? In meinen Online-Sitzungen erlebe ich oft Menschen, die sich in einem permanenten Zustand des „Dagegen-Haltens“ befinden. Wir stemmen uns gegen Veränderungen, gegen schmerzhafte Gefühle oder gegen Tatsachen, die wir schlichtweg nicht wahrhaben wollen. Es ist, als würden wir versuchen, die Wellen des Meeres mit bloßen Händen aufzuhalten – eine Herkulesaufgabe, die uns erschöpft, ohne dass sich das Meer auch nur im Geringsten davon beeindrucken ließe. Dieser innere Widerstand ist der heimliche Energieräuber unseres Alltags.

In meinen Online-Sitzungen begegnet mir dieser Widerstand in vielen Gewändern: „Ich sollte mich nicht so fühlen“, „Es darf nicht sein, dass dieses Projekt gescheitert ist“ oder „Warum ist diese Traurigkeit immer noch da?“. Wir verbringen eine unglaubliche Menge an Lebensenergie damit, die Realität wegzudrücken, sie zu bewerten oder sie umschreiben zu wollen. Wir versuchen, den Ozean des Lebens mit einem Teelöffel zu bändigen.

Der Verstand als kleiner Navigator auf einem großen Meer

Wir sind es gewohnt, unseren Verstand als das höchste Kontrollorgan zu betrachten. Er plant, analysiert, kategorisiert und versucht, die Zukunft abzusichern. Doch so nützlich unser Intellekt für logische Probleme ist, so begrenzt ist er, wenn es um die Komplexität des Lebens selbst geht.

Unser Verstand arbeitet oft mit einem sehr engen Fokus. Er will Sicherheit, Vorhersehbarkeit und das Ausbleiben von Schmerz. Das Leben hingegen folgt einer weitaus größeren Choreografie. Es ist, als ob wir versuchen, eine ganze Sinfonie zu verstehen, während wir nur eine einzige Note hören.

„Nichts auf der Welt ist so weich und nachgiebig wie das Wasser. Und doch bezwingt es das Harte und Starke.“

Laozi

Dieses Bild des Wassers ist zentral: Ein Fels leistet Widerstand. Er ist hart, starr und scheint unbesiegbar. Doch das Wasser kämpft nicht gegen den Fels. Es fließt um ihn herum, es passt sich an, es nutzt die Schwerkraft. Am Ende ist es das nachgiebige Wasser, das den harten Stein formt. Die Demut beginnt dort, wo wir anerkennen, dass das Leben – genau wie der Fluss – klüger ist als unser kleiner, besorgter Verstand.

Die Arroganz des „Ich weiß es besser“

Es klingt fast provokant, aber Widerstand ist oft eine Form von intellektueller Arroganz. Wir hängen an unseren Konzepten davon, wie eine Karriere, eine Beziehung oder ein Heilungsprozess auszusehen hat. Wenn das Leben dann eine Linkskurve macht, während wir fest mit einer Rechtskurve gerechnet haben, geraten wir in den Konflikt.

In der Onlineberatung erlebe ich oft den Moment der Erleichterung, wenn Klient*innen erkennen: Ich muss das Leben nicht kontrollieren. Ich muss es nur beantworten.

Es gibt eine hilfreiche Formel, die die Dynamik verdeutlicht:

Schmerz x Widerstand = Leid

Schmerz ist unvermeidbar. Das Leben bringt Verluste, Enttäuschungen und körperliche oder seelische Schmerzen mit sich. Das ist der Teil, den wir nicht kontrollieren können. Das Leid hingegen entsteht erst durch unseren Widerstand. Wenn wir uns gegen das, was schmerzt, stemmen, verhärtet sich die Situation. Der Schmerz wird zu einem bleiernen Gewicht, weil wir ihn nicht durch uns hindurchfließen lassen.

Das Vertrauen in die höhere Intelligenz des Lebens

Wenn wir den Widerstand aufgeben, bedeutet das nicht Passivität oder Resignation. Es ist vielmehr eine aktive Hingabe. Es ist das Vertrauen darauf, dass das Leben – auch in seinen Krisen – eine tiefere Logik verfolgt, die sich unserem momentanen Verständnis vielleicht noch entzieht.

Was wäre, wenn das Hindernis der Weg ist?

Oft stellen wir im Rückblick fest, dass gerade die Umwege, die Krisen und die Momente des Scheiterns die wichtigsten Wegweiser waren. Hätten wir damals erfolgreich Widerstand geleistet, wären wir heute nicht die Menschen, die wir sind. Das Leben nutzt oft Reibung, um uns zu schleifen.

Dem Leben keinen Widerstand leisten bedeutet:

  • Annehmen, was ist: Ohne sofortige Bewertung als „gut“ oder „schlecht“.
  • Durchlässig werden: Gefühle und Ereignisse durch sich hindurchfließen lassen, statt sie zu stauen.
  • Die Kontrolle abgeben: Einsehen, dass wir nicht die Regisseure, sondern die Mitspieler in diesem großen Stück sind.

Die Freiheit im „Ja“

Wenn wir aufhören zu kämpfen, wird plötzlich Energie frei. Energie, die wir vorher für das Verdrängen und Bekämpfen gebraucht haben, steht uns nun zur Verfügung, um konstruktiv mit der Situation umzugehen. Es ist die Erlaubnis an uns selbst, weich zu werden. Wenn wir nicht mehr starr sind, können uns die Stürme des Lebens zwar biegen, aber sie brechen uns nicht.

Liebe Leserinnen und Leser,

wo spüren Sie in Ihrem Leben gerade einen harten Widerstand? Wo halten Sie an einem Bild fest, wie die Dinge „sein sollten“, anstatt der Intelligenz des Augenblicks zu vertrauen? Vielleicht ist heute ein guter Tag, um für einen Moment die Hände zu öffnen und zu schauen, was passiert, wenn Sie den Kampf gegen das Unvermeidbare beenden und stattdessen schauen, wohin der Fluss Sie tragen möchte.

 

Rainer Schwenkkraus

Berater und Autor